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Schon bevor ich das kleine Straßenrestaurant betrete, höre ich die Musik. Die Melodie kommt mir sofort bekannt vor. Ich steige die Holztreppe hinunter und blicke in das strahlende Gesicht der Köchin. Neben ihr liegt ein kleines gelbes Gerät, aus dem die Musik in voller Lautstärke erklingt.
Es ist der 24. Juli 2026. Ich bin zum vierten Mal in Mtula, einem Dorf in den Bergen im Südwesten Tansanias. Hier lebt das Volk der Ndali. Und was ich in diesem kleinen Restaurant erlebe, berührt mich zutiefst. Die Lieder, die gerade durch den Raum schallen, sind etwas Besonderes. Sie wurden von einheimischen Chorleitern und traditionellen Musikern komponiert, 2025 aufgenommen und anschließend verbreitet. Ihre Texte greifen Verse aus der Bibel auf – Worte über Hoffnung, Heilung, Vergebung und einen Neuanfang. Als wir die Lieder vor einem Jahr unter die Menschen brachten, hatten wir noch keine Vorstellung davon, wie sie bei den Menschen ankommen würden. Würde diese Musik wirklich Herzen berühren und Leben verändern? Oder wäre alles nur ein kurzes Strohfeuer?
Eine bereichernde Panne
Drei Monate zuvor war ich mit dem Auto in der Nähe von Mtula liegen geblieben. Während wir auf Ersatzteile warteten, verbrachten wir viel Zeit mit den Dorfbewohnern. Das kleine Straßenrestaurant war für mich zu einer Art Wohnzimmer geworden. Damals hatte ich der Köchin dieses gelbe Abspielgerät geschenkt. Darauf war die Bibel als Hörversion in ihrer eigenen Sprache gespeichert. Sie war zutiefst gerührt, Gottes Wort in Ndali hören zu können. Doch noch mehr begeisterten sie die Lieder, die ebenfalls auf dem Gerät gespeichert waren.
24 Lieder, die Hoffnung schenken
Hinter dieser Musik steckt ein größeres Projekt. Im Jahr 2025 wurde ein christliches Suchthilfeprogramm sowohl ins Suaheli als auch in die Sprache der Ndali übersetzt. Suchtproblematik ist in vielen Dörfern der Ndali eine große Herausforderung – auch innerhalb der christlichen Gemeinden. Sie belastet die Betroffenen selbst und deren Familien. Das Programm möchte Menschen dabei unterstützen, aus Abhängigkeiten herauszufinden und ihr Leben neu zu gestalten. Dazu wurden mehr als 100 einheimische Gruppenleiter ausgebildet. Jeweils zu zweit oder zu dritt begleiten sie Menschen in ihren Dörfern durch wöchentliche Gruppentreffen. Im Mittelpunkt steht der christliche Glaube: die Überzeugung, dass Jesus Christus Menschen neue Hoffnung schenken kann. Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit seelischen? Verletzungen, lernen Vergebung zu empfangen und selbst zu vergeben, und ermutigen einander auf ihrem Weg der Veränderung.
Die 24 eigens komponierten Lieder greifen Bibelverse auf, die auch in diesem Programm eine wichtige Rolle spielen. So werden die Inhalte nicht nur gehört oder gelesen, sondern gesungen, wiederholt und verinnerlicht. Und das in einer Sprache und musikalischen Ausdrucksform, die den Menschen vertraut sind.
Wenn Veränderung im Alltag sichtbar wird
Inzwischen wurden 43 Suchthilfegruppen gegründet. Mehr als 450 Menschen nehmen an ihnen teil. Besonders bewegend ist für mich, wie die Lieder in den Dörfern angekommen sind. Sie werden bei den Gruppentreffen gesungen, von den Chören der Gemeinden aufgegriffen oder gemeinsam mit älteren Menschen unter einem Baum angestimmt. Oft ist das kleine gelbe Abspielgerät dabei. Eine ältere Frau sagte: „Warum habt ihr uns dieses Gerät nicht früher gebracht? Wir hätten schon viel früher geistlich wachsen können!“ Für sie bedeutet das Gerät weit mehr als Musik. Es eröffnet ihr einen Zugang zu biblischen Inhalten in ihrer Muttersprache und hilft ihr, ihren Glauben zu vertiefen.
Auch außerhalb der Gruppentreffen werden Veränderungen sichtbar. Die Ehefrau eines Mannes, der an einer Suchthilfegruppe teilnimmt, bedankte sich bei einem der Gruppenleiter mit den Worten: „Ich sehe wieder Geld in unserem Haus!“ Ein kurzer Satz, hinter dem eine ganze Geschichte steckt. Denn Sucht kann Familien nicht nur emotional, sondern auch finanziell schwer belasten. Wenn sich etwas verändert, bedeutet das neue Hoffnung für alle Beteiligten.
Und die Köchin? Sie singt weiter.
Zurück im kleinen Straßenrestaurant in Mtula. Die Köchin hat das gelbe Abspielgerät auf volle Lautstärke gedreht und singt bei ihrer Arbeit mit. Während wir Reis mit Bohnen essen, kommen weitere Gäste hinzu.
Ich freue mich. Denn genau das hatten wir uns gewünscht: dass die Lieder nicht nur einmal gehört werden, sondern dass die Worte aus der Bibel in der eigenen Sprache lebendig werden, dass sie den Menschen im Alltag helfen, im Glauben zu wachsen und neue Schritte zu gehen.
Autor
Daniel Kliemt ist Kunstethnologe. Zusammen mit seiner Familie lebt er in Tansania. Dort arbeitet er mit verschiedenen Sprachgruppen zusammen. Sein Ziel: Kultur erhalten und Menschen durch den Gebrauch lokaler Kunstformen helfen, biblische Inhalte tiefer zu verstehen.
Foto ganz oben: Blick auf Mtula
Foto im Artikel: Daniel Klimt im Gespräch mit Suchthilfegruppenleiern aus einem Ndali-Dorf.