Foto oben: Ein Mann hält die indonesische Bibel in den Händen und liest die Psalmen 18 und 19.
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Warum es sich lohnt, beim Bibellesen
nach
links und rechts zu schauen
„Mama hat gesagt, ich darf!“, ruft der Sechsjährige und greift nach den Gummibärchen. Was er weglässt: „… wenn du dein Zimmer aufgeräumt hast.“ Kinder sind Meister darin, nur den Teil zu hören, der ihnen gefällt. Wir Erwachsenen machen es beim Bibellesen oft nicht anders. Wir greifen einen Vers heraus und lesen ihn, als stünde er allein.
Zum Beispiel: „Sei mutig und entschlossen!“ Der Satz steht auf Kaffeetassen, Postkarten und in unzähligen Instagram-Posts. Josua 1,9 gehört zu den Lieblingsversen vieler Christen. Ein einziges Wort aus der Bibel kann uns durch einen schweren Tag tragen. Doch es lohnt sich, auch die Nachbarn dieses Verses kennenzulernen. Vorher aber ein ehrlicher Blick auf uns selbst: Warum lesen wir so gern nur Ausschnitte?
Die Bibel in Häppchen
Viele von uns kennen die Bibel vor allem in Häppchen: der Vers des Tages in der App, die Losung am Frühstückstisch, der Spruch auf der Geburtstagskarte. Das ist wertvoll. Doch wer nur Häppchen isst, lernt das ganze Menü nie kennen. Oft bleiben wir bei den tröstlichen Versen hängen. Geschlechtsregister, Opfergesetze oder harte Worte von Jesus überblättern wir lieber. Das ist kein böser Wille. Wir suchen Zuspruch, haben wenig Zeit und nehmen manches stärker wahr als anderes. So entsteht eine Bibel in der Bibel: ein paar unterstrichene Lieblingsstellen und viele Seiten, die wir kaum kennen.
Aus dem Zusammenhang gerissen
Zurück zu Josua 1,9. Gott spricht hier in eine bestimmte Lage hinein: Mose ist gestorben, und Josua soll das Volk Israel über den Jordan in das versprochene Land führen. Der Zuspruch gilt einem Mann, der vor mehr als 3.000 Jahren lebte und einen konkreten Auftrag hatte. Hat der Vers uns also nichts zu sagen? Doch! Gottes Zusage, bei den Seinen zu sein, zieht sich durch die ganze Bibel. Aber der Zusammenhang bewahrt uns davor, mehr in einen Vers hineinzulesen, als dasteht.
Heikel wird es, wenn ein Vers etwas sagen soll, das er gar nicht sagt. Ein augenzwinkerndes Beispiel: „Gott gibt es überhaupt nicht!“ steht wörtlich in der Bibel, in Psalm 14,1. Davor allerdings: „Wer sich einredet …“ Ein paar weggelassene Worte, und schon klingt die Aussage ganz anders. Oft gut gemeint ist: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, bin ich in ihrer Mitte“ (Matthäus 18,20). Der Vers tröstet kleine Gebetskreise. Jesus spricht hier aber vor allem davon, wie Christen mit Schuld und Streit umgehen. Die „zwei oder drei“ erinnern an die Zeugen aus Vers 16. Das macht Gottes Gegenwart beim Gebet nicht weniger wertvoll. Aber der ursprüngliche Zusammenhang öffnet noch eine weitere Perspektive. Weniger harmlos ist: „Urteilt nicht über andere“ (Matthäus 7,1). Der Satz wird gern zitiert, um jede Kritik abzuwehren. Jesus warnt aber vor Überheblichkeit: Wer zuerst den Balken aus dem eigenen Auge entfernt, kann klar sehen und dem anderen helfen (Vers 5). Die Grenze ist überschritten, wenn wir einen Vers zurechtbiegen, bis er unsere Meinung bestätigt, oder Gott Versprechen in den Mund legen, die er so nie gegeben hat.
Ganze Bücher statt einzelner Verse
Wer die Bibel übersetzt, kann sich keine Lieblingsverse herauspicken. Die Übersetzungsteams, in denen Wycliff-Mitarbeiter arbeiten, übersetzen ganze Bücher und fragen: Was bedeutet ein Vers im Zusammenhang? Und wie verstehen ihn die Menschen in dieser Kultur?
Dabei zeigt sich: Menschen aus anderen Kulturen entdecken in der Bibel manches, was wir leicht übersehen. Wer die Bibel gemeinsam mit anderen liest, entdeckt mehr.
Ein Vers kommt selten allein. Jeder Vers steht in einem Kapitel, in einem Buch, in der großen Geschichte Gottes mit den Menschen. Wer diese Geschichte kennt, versteht auch den einzelnen Vers besser und kann sich an ihm festhalten, ohne ihn zu verbiegen. Dafür arbeitet Wycliff: damit Menschen in allen Sprachen nicht nur einzelne Verse haben, sondern die ganze Geschichte lesen können.
So lese ich im Zusammenhang
- Vor jedem Zitat drei Fragen stellen: Wer spricht zu wem? Was steht davor und danach? Wie passt der Vers ins Ganze?
- Neugierig bleiben: „Jetzt bin ich mal gespannt, was ich heute Neues entdecke!“
- Wenn ich etwas nicht verstehe: andere fragen, Erklärungen lesen. Vielleicht ist genau diese Stelle für einen Menschen irgendwo auf der Welt besonders kostbar.