Teammeeting Aethiopien

Bleibt bei mir!

Foto oben: Lydia überprüft mit dem Njagatom-Team übersetzte Bibelteile.

Text vorlesen lassen

Bibel im Gebrauch

Wie wird die Bibel in unterschiedlichen Kulturen verstanden und im Alltag lebendig? Ein Einblick in die Bibelübersetzungsarbeit in Äthiopien zeigt, wie vertraute Bibeltexte durch andere Sprachen neue Tiefe gewinnen und Gottes Wort die Herzen der Menschen erreicht.

„Bleibt in mir und ich in euch“, sagt Jesus in Johannes 15,4.

Ein vertrauter Satz. Doch wie übersetzt man ihn in eine Sprache, in der das naheliegende Wort für „bleiben“ etwas ganz anderes vermittelt?

Genau vor dieser Frage standen wir bei der Übersetzung ins Koorete (Äthiopien). Zwar gibt es dort ein Wort für „bleiben“. Doch es hat eher einen negativen Beiklang und bedeutet so viel wie „zurückbleiben“, „zurücklassen“ oder „übrigbleiben“. Für diese Worte Jesu passte das nicht.

Wir überlegten weiter: Könnten wir vielleicht sagen: „Lebt in mir“? Auch das schien zunächst möglich. Doch dabei würde ein wichtiger Gedanke des griechischen Textes verloren gehen. Jesus spricht hier zu Menschen, die bereits mit ihm verbunden sind. Er fordert sie nicht dazu auf, diese Verbindung erst herzustellen. Vielmehr sagt er ihnen: Bleibt in dieser Verbindung. Entfernt euch nicht von mir.

Nach vielen Gesprächen entschieden wir uns im Koorete deshalb für eine Formulierung, die auf den ersten Blick ganz anders klingt: „Trennt euch nicht von mir!“

Die Reaktion der Koorete-Sprecher war eindrücklich. Viele sagten: „Jetzt endlich verstehe ich, was hier gemeint ist!“

Und auch für mich selbst bekam der vertraute Vers dadurch eine neue Tiefe. „Bleibt in mir“ ist kein statischer Zustand. Es beschreibt eine Beziehung, die schon da ist und bestehen bleiben soll: Haltet an mir fest. Entfernt euch nicht. Bleibt mit mir verbunden.

Wenn der Gastgeber sagt: Bleibt noch!

Später besprach ich dieselbe Stelle mit Njangatom-Übersetzern (Äthiopien). Auch dort stellte sich die Frage: Wie lässt sich dieses „Bleiben“ so ausdrücken, dass die Menschen unmittelbar verstehen, was Jesus meint? 

Die Übersetzer erzählten mir von einem Wort aus ihrem Alltag. Man verwendet es, wenn Besucher aufstehen und sich verabschieden wollen. Der Gastgeber sagt ihnen dann sinngemäß: „Bleibt sitzen! Bleibt, wo ihr seid!“ Damit macht er deutlich: Geht noch nicht. Ich möchte euch noch weiter bewirten. Die Gäste können nicht einfach aufstehen und gehen, sondern warten auf seine Erlaubnis.

Genau dieses Wort wählten die Njangatom für Johannes 15,4.

Was wir im Deutschen mit mehreren Worten erklären müssen – „Bleibt sitzen, wo ihr seid!“ –, lässt sich im Njangatom mit einem einzigen Wort ausdrücken. Und darin schwingt etwas mit, das erstaunlich gut zu den Worten Jesu passt:

Ihr seid schon bei mir. Ihr gehört zu mir. Bleibt hier. Geht nicht weg.

24 11 Lydia Kopie

Autorin

Lydia Hoeft arbeitet seit über 30 Jahren in Äthiopien. Heute ist sie dort als Übersetzungsberaterin tätig und begleitet mehrere Teams, bei der Übersetzung der Bibel in ihre jeweiligen Muttersprachen.