Herzkurve

Zeugnis, Dienst und Dialog: Herzschlag missionarischer Gemeinde

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Glokale Welt – glokales Christentum

Wir erleben die Welt im Jahr 2026 häufig globalisierter als noch vor einigen Jahrzehnten. Gleichzeitig leben wir in ganz lokalen Kontexten: in einer bestimmten Wohnung, in einer bestimmen Straße an einem Ort – mit Briefkasten, Postleitzahl und Nachbarn. Und dann schalten wir das Radio an und hören fast in Echtzeit die neuesten Entwicklungen auf der Welt. Erdbeben auf den Philippinen, Notenbankentscheidung in den USA, Krieg in Ostasien, Mexiko gewinnt das Auftaktspiel zur Fußballweltmeisterschaft in Nordamerika. Vieles davon verändert bewusst oder unbewusst unseren Alltag vor Ort.

Der Begriff „glokal“ oder „Glokalisierung“ entstand Ende der 1980er-Jahre in verschiedenen Kontexten. Heute beschreibt er treffend die Verflechtung und Gleichzeitigkeit von globalen mit lokalen Entwicklungen in unserer Welt.

Das gilt nicht nur für Umwelt, Gesellschaft oder Wirtschaft, aus denen der Begriff ursprünglich stammt: Auch das Christentum ist seit Jahrhunderten glokal. Seine Botschaft und die Wirklichkeit Gottes umschließt den ganzen Kosmos. Gleichzeitig war das Christentum von Anfang an auf konkrete Gemeinschaften vor Ort bezogen. Heute gibt es Christen in allen Ländern der Welt. Ortsgemeinden senden Missionare von jedem Kontinent dieser Erde auf jeden anderen Kontinent. Wir leben im Zeitalter des glokalen Christentums.

Mission als Herzschlag der Gemeinde

Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel bezeichnete Mission einmal als „Rhythmus des Herzens der Kirche“ (1). Mission ist kein Thema für einige wenige Spezialisten in Missionsgesellschaften oder kirchlichen Fachreferaten. Gemeinde existiert, weil Gott diese Welt so sehr liebt, dass er sich selbst in sie sendet. Mission ist Gottes dauernde Bewegung in diese Welt. Seit den 1950er-Jahren wird dieser Gedanke mit dem Fachbegriff Missio Dei – die Mission Gottes – bezeichnet. Gott selbst ist das Zentrum von Mission. Er gibt sich jeden Tag heilsam in diese Welt. Und Gemeinde? Die wird von ihm beauftragt und befähigt in dieser Bewegung mitzugehen. Das gilt allgemein für Kirche, für das weltweite Christentum, aber eben auch ganz konkret für jede Ortsgemeinde. Ortsgemeinden sind vor allem missionarische Gemeinschaften. Im Idealfall bestimmt Mission als Herzschlag ihren Lebensrhythmus. 

Wie kann man heute ganzheitliche Mission verstehen?

Gott hört nicht auf, diese Welt zu lieben und sich darum immer wieder neu in sie hineinzugeben. Er erhält uns unsere Lebensgrundlagen, „lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5,45), er wirbt um jeden Einzelnen Menschen und fordert Gerechtigkeit für alle. Dafür gebraucht er auch seine Gemeinde. Das unterscheidet sich nicht grundlegend von den ersten Gemeinden vor 2000 Jahren. Verändert haben sich jedoch unsere Welt, unsere Lebenswirklichkeiten und damit auch Themen, Herausforderungen und Methoden von Mission.

Mission findet heute nicht mehr allein aus Europa und Nordamerika in den Rest der Welt statt, wie es in den letzten Jahrzehnten christlicher Mission überwiegend der Fall war. Christen in Asien, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien stellen inzwischen 70% der Christenheit. Wir brauchen einander – in der weltweiten Mission ebenso wie in der Gemeinde vor Ort. Wie gut, dass heute Missionare von überall nach überall gesendet werden. Gemeinden sind dabei wie die Häfen, von denen Menschen aufbrechen und in denen sie ankommen. Und weltweite Mission gleicht den Schiffsrouten, die diese Häfen miteinander verbinden und ein globales Netzwerk entstehen lassen.

Dabei wurde Mission in den letzten Jahren vielfältiger. Immer mehr unterschiedliche Kirchen senden Mitarbeiter auf immer unterschiedlichere Weise aus. Weltweite Mission wird dabei pfingstkirchlicher, digitaler und ganzheitlicher, um zumindest ein paar große Entwicklungen zu nennen. Es ist gut, dass sich Mission verändert und auf neue Gegebenheiten eingeht! Gleichzeitig stellt sich häufig die Frage, wie man Mission dann eigentlich greifen kann.

Mit welchem Rhythmus schlägt das Herz?

Ganzheitliche, umfassende Mission besteht aus meiner Sicht aus drei zentralen Dimensionen: Christus bezeugen, ganzheitlich dienen und öffentlich für Gottes Gerechtigkeit eintreten.

Christliches Zeugnis: Wir dürfen mit Freude erzählen, was wir mit Gott erleben und warum uns der christliche Glaube Hoffnung gibt. Im Zentrum steht die Botschaft von Jesus Christus: Gott liebt die Menschen, ist ihnen nahe und will Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Ortsgemeinden geben diese Botschaft weiter und machen sie durch ihr Handeln sichtbar, damit die biblische Botschaft für Menschen verständlich und lebendig wird.

Ganzheitlicher Dienst: Jesus ruft seine Gemeinde immer wieder zum Dienst am Nächsten auf. Nicht als lästige Pflicht oder als optionale Kür, wenn das Brot und Butter Geschäft der Verkündigung erledigt und dann noch etwas Kraft und Zeit übrigbleibt. Was wir den Geringsten tun, das tun wir für Gott. Für Ortsgemeinden bedeutet das, materiellen, psychischen und sozialen Nöten vor Ort zu begegnen – in Alltagsseelsorge und mit professionalisierten Angeboten.

Öffentlich für Gottes Gerechtigkeit eintreten: Jesus spricht in seinem öffentlichen Wirken immer wieder vom Reich Gottes und von seinen Werten. Er preist Menschen selig, die wir vielleicht eher bedauern würden. Die Propheten des Alten Testaments machen deutlich, wie Gott sich eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft vorstellt. Die Ortsgemeinde ist aufgerufen, diese Werte vor Ort zu leben, im Gespräch einzubringen und gegenüber Entscheidungsträgern zu vertreten. Dabei kann es nicht um Lobbyismus für die Interessen und Steckenpferde der Gemeinde gehen. Vielmehr gilt es, die Stimme für Mitmenschen und für Gottes Schöpfung zu erheben, die gesellschaftlich keine laute Stimme haben. In einer pluralen Gesellschaft geschieht dies nicht durch laute Parolen, sondern durch glaubwürdige Präsenz, respektvollen Dialog und den mutigen Einsatz für Gerechtigkeit.

Wo Gemeinden Jesus bezeugen, Menschen dienen und den Dialog suchen, wird Gottes Mission sichtbar. So schlägt der Herzschlag missionarischer Gemeinde – vor Ort und in der glokalen Welt.

(1) Jüngel, Eberhard, Mission und Evangelisation, in: Jüngel, Eberhard (Hrsg.), Ganz werden. Theologische Erörterungen V, Tübingen 2003, 115–136, 115.

Matthias Ehmann

Autor

Prof. Dr. (Unisa) Matthias Ehmann ist Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern bei Marburg und engagiert sich ehrenamtlich in der FeG Marburg und der Allianz-Mission.