Es ist Silvester. Wir sitzen als Familie um den Couchtisch. In der Mitte liegen selbst gestaltete Karten in bunten Farben mit Bibelversen. Meine Mama hatte uns die Aufgabe gegeben, einen Vers auszusuchen, den wir jemand anderem als Ermutigung mit ins neue Jahr geben wollen. Reihum ziehen wir eine Karte. Meine ist rot. Darauf steht in Schreibanfängerschrift: „Den Erschöpften gibt er neue Kraft, und die Schwachen macht er stark.“ (Jesaja 40,29) Daneben klebt ein Bild von einem Wasserfall, dass mein Bruder aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hat.
Das ist über 30 Jahre her, damals war ich 11 Jahre alt.
Die Karte habe ich nicht mehr. Aber diesen Vers und den Wasserfall sehe ich heute noch vor mir. Die Worte kommen mir immer wieder in den Sinn. Ermutigen mich – gerade dann, wenn mir im Alltagswahnsinn die Kraft fehlt.
Schon verrückt, was ein einziger Bibelvers bewirken kann …
Genau das wünschen wir uns bei Wycliff für Menschen auf der ganzen Welt:
Die Bibel. In jeder Sprache. Für ein verändertes Leben.
Für mich war es ganz normal, Gottes Wort in meiner Sprache lesen zu können. Für Kossi aus Togo war das lange anders:
„Ich habe mein Leben mit 15 Jesus gegeben. Ich ging regelmäßig zum Gottesdienst, hörte Predigten auf Französisch und Ewe, aber verstand nur wenig. Gott schien oft weit weg – als würde er eine Sprache sprechen, die nicht für mich gedacht war.“
Dann liest Kossi zum ersten Mal den zweiten Korintherbrief in seiner Muttersprache Akebu:
„Es fühlte sich an, als würde Gott neben mir sitzen und sanft mit mir sprechen, so wie meine Mutter es früher tat. An diesem Tag ist etwas in mir zerbrochen – und geheilt. Ich empfand Freude, Frieden und Vergebung. Seitdem bete ich anders.“
Gottes Wort in der eigenen Sprache. In der Sprache, in der wir lachen und weinen, träumen und beten. Das berührt anders. Und es verändert.
Heute nimmt Kossi seine Bibel mit zu Festen und Dorfveranstaltungen und liest anderen daraus vor.
„Es scheint, als würde jeder Vers in unserer Muttersprache ein neues Herz öffnen.“
Und genau darum geht es: Gottes Wort wird gelesen, verstanden – und weitergegeben. Bibelübersetzung allein reicht nicht aus. Es braucht Menschen, die lesen lernen und entdecken, wie Gottes Wort in ihrem Alltag lebendig wird.
Denn am Ende zählen nicht übersetzte Seiten, sondern das, was Gottes Wort im Leben von Menschen bewirkt. Wenn sie erleben: Gott spricht meine Sprache. Sein Wort hat etwas mit meinem Leben zu tun.
So wie Kossi. Und irgendwie auch wie ich – mit elf Jahren, einer roten Karte und einem Vers, der mich über 30 Jahre später noch begleitet.
Autorin
Mirjam Lautenschlager-Weiss hat ihre Kindheit an der Elfenbeinküste verbracht. Ihre Eltern haben dort das Neue Testament für die Yaouré übersetzt. Heute arbeitet sie im Kommunikationssteam von Wycliff Deutschland mit.