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Wenn du die Wahl hättest, 60 Stunden in einer Vorlesung zu sitzen und anschließend noch Hausarbeiten zu schreiben oder zwei Monate lang die Arbeit von Wycliff in Mexiko hautnah mitzuerleben – wofür würdest du dich entscheiden?
Ein Wycliff-Seminar mit Folgen
Als ich mir während meines Studiums diese Frage stellte, habe ich mich natürlich für Zweiteres entschieden. Doch wie kam ich ausgerechnet auf Wycliff? Aus lauter Neugier meldete ich mich ein paar Jahre zuvor für den Kurs „Spracharbeit im Überblick“ am Seminar für Sprache und Kultur (ssk) bei Wycliff an. Dieses Seminar hat mein Interesse für Sprachen bestärkt und mich dazu inspiriert „Sprache und Kommunikation“ in Marburg zu studieren.
Als ich erfuhr, dass während meines Studiums die Möglichkeit bestünde, zwischen den Semestern ein Praktikum zu absolvieren und dafür Leistungspunkte zu bekommen, war für mich klar: Diese Möglichkeit nutze ich, um die Arbeit von Wycliff näher kennenzulernen.
Auf nach Mexiko
Wycliff bot mir verschiedene Einsatzorte für ein Praktikum an. Als ich mit Wycliff in Kontakt trat, befand ich mich gerade in einem Auslandssemester in Spanien, und so fiel meine Entscheidung aufgrund meiner Spanischkenntnisse schnell auf Mexiko. Mexiko – ein Land mit über 280 indigenen Sprachen, 60 davon offiziell anerkannt, und damit der perfekte Ort, um die Arbeit von Wycliff kennenzulernen.
Marina (li.) und Maike (re.)
Zwischen Eselrufen und Fiestas
Mit Maike, einer weiteren Praktikantin, reiste ich also für 2 Monate nach Oaxaca, Mexiko. In der Stadt Mitla befindet sich das Institut für Linguistik von SIL (Partnerorganisation von Wycliff), das Instituto Lingüístico de Verano. Dort gibt es auch Wohnmöglichkeiten für Mitarbeiter und Praktikanten. Die ersten Tage waren gefüllt mit Führungen durch die Stadt, um uns mit der Umgebung vertraut zu machen, sowie Einführungen und Sicherheitseinweisungen, die besonders für den Alltag in Mexiko wichtig waren.
Es waren viele neue Eindrücke, die von Anfang an auf uns einprasselten. Besonders an die vielen verschiedenen Geräusche mussten wir uns gewöhnen. Straßenverkäufer, die mit lauten Lautsprechern auf sich aufmerksam machten; Esel, die an jeder Ecke standen und nicht zu überhören waren; Straßenhunde, die sich nachts ständig zu Straßenkämpfen verabreden schienen.
Man hatte uns auch schon vorgewarnt, dass die Leute in Mitla dafür bekannt sind, jeden noch so kleinen Grund zum Anlass zu nehmen, eine Fiesta zu starten. Und so war es auch: Auch wenn das Institut etwas abseits von Mitla lag, konnte man oft sehr gut die Musik hören. Egal ob mitten am Tag oder bis tief in die Nacht, egal ob am Wochenende oder während der Woche – es wurde gefeiert.
Von der Theorie in die Praxis
Die Aufgaben während des Praktikums waren vielfältig: Mal saß ich stundenlang in der Bibliothek und recherchierte Literatur. Ein anderes Mal führte mich eine sechsstündige Fahrt über eine abenteuerliche Straße, die tatsächlich in einem Dorf endete, mitten hinein in den Alltag einer Sprachgemeinschaft.
Wenn die Professoren in der Uni von der sogenannten Feldforschung (z. B. Sprachdatensammlung einer Minderheitensprache) sprachen und von Linguisten, die irgendwo auf der Welt Sprachforschung betrieben, schien es mir immer so weit weg. Daher war es umso spannender, diesen Teil der Theorie jetzt in der Praxis zu erleben.
Unsere Aufgaben sahen sehr verschieden aus. In den ersten Tagen wurden wir in das Arbeitsfeld der Sprachgruppen-Generalisten eingeführt. Diese beschäftigen sich mit einer Sprachgruppe und verschaffen sich ein breites, übergreifendes Wissen darüber. Einen kleinen Teil dazu beitragen konnte ich, indem ich eine „kommentierte Bibliografie“ für die Huave-Sprachgruppe erstellte.
Die Huave-Sprachen bilden eine kleine, isolierte Sprachgruppe, die an der Pazifikküste des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca gesprochen wird. Also recherchierte ich nach allem, was es zu dieser Sprache gab – linguistische Arbeiten, veröffentlichte Bücher und auch danach, inwieweit diese Sprache in den sozialen Medien vertreten war.
Eine andere Aufgabe, die Maike und mir aufgetragen wurde, bezog sich auf die Sprachlern-App Alpha Tiles. Die App wurde von Wycliff-Mitarbeitern entwickelt, damit Sprecher einer Minderheitensprache die Möglichkeiten haben, auf unkomplizierte Art und Weise eine App zu erstellen, mit der man ihre Sprache lesen und schreiben lernt. Wir Praktikantinnen sollten eine deutsche Version von Alpha Tiles erstellen.
Ein paar Wochen später konnten wir dann bei einem Workshop dabei sein, an dem mexikanische Lehrkräfte teilnahmen, die an Schulen mit indigenen Sprachen unterrichteten. Es war interessant zu sehen, wie begeistert sie waren, nicht nur eine App für eine Sprache zu haben, die wenig repräsentiert ist, sondern auch noch selbst so eine App zu erstellen.
Durchkreuzte Pläne
Ursprünglich hatte ich mich besonders auf eine Sache gefreut: Für ca. drei Wochen war nämlich ein Aufenthalt mit einer Wycliff-Mitarbeiterin in einem Sprachgebiet geplant, in dem sie ein Spracharbeit-Projekt begonnen hatte. Nach mehrtägiger Reise und kurzem Aufenthalt in dem Dorf mussten wir unseren Aufenthalt jedoch aufgrund von Unruhen sehr kurzfristig abbrechen.
Das Mosaik der Spracharbeit
Die durchkreuzten Pläne und die daraus entstandene ungefüllte Zeit brachte uns gleichzeitig eine wunderbare Möglichkeit: Wir konnten einen Blick in andere, ganz verschiedene Arbeitsbereiche von Wycliff erhalten. Einige der Mitarbeiter in Mitla nahmen sich Zeit und nahmen uns für ein paar Stunden oder einen Tag in ihre Arbeit mit.
Eine Familie, die noch dabei war, die Sprache einer Sprachgemeinschaft zu lernen, in der sie später linguistische Arbeiten vornehmen wollten, nahm uns in das Dorf mit, in dem viele Sprecher dieser Sprache lebten. So waren wir bei dem Sprachunterricht dabei und konnten sehen, dass es auch gleichzeitig bedeutet, Beziehungen zu den Leuten aufzubauen.
Ein anderes Ehepaar war in einer ganz anderen Phase der Spracharbeit: Sie hatten bereits erste Bücher der Bibel übersetzt. In einer Gemeinde diese Sprechergruppe nahmen sie diese durch und die Leute erzählten uns, wie Gottes Wort sie in ihrer Muttersprache ganz besonders ansprach.
Wie kompliziert es ist, für eine Tonsprache eine Schrift zu entwickelt oder überhaupt diese mithilfe verschiedener Programme erst in Lautschrift festzuhalten, wurde uns von einer jungen Mitarbeiterin gezeigt.
Mitla (auch auf dem Foto ganz oben neben dem Titel)
Mit vollem Gepäck wieder zurück
Unser Praktikum schien unter dem Motto „Planänderung“ zu stehen. Vieles verlief anders als erwartet: Der Aufenthalt im Sprachgebiet, auf den ich mich besonders gefreut hatte, endete bereits nach einem Tag statt nach drei Wochen. Unsere Praktikumsbetreuung musste kurzfristig abreisen, und selbst ein geplanter Ausflug an die Pazifikküste fiel wegen einer Hurrikan-Warnung ins Wasser.
Das war nicht immer leicht und hat mich manches Mal frustriert. Doch gerade im Rückblick erkenne ich, dass Gott auch durch unerwartete Wege führt. Manche Planänderung eröffnete neue Möglichkeiten, andere bewahrte uns vielleicht vor Gefahren.
Das Praktikum hat meinen Blick auf Minderheitensprachen und Dialekte verändert. Ich habe neu schätzen gelernt, welche Bedeutung die eigene Sprache für die Identität einer Sprachgemeinschaft hat und warum es sich lohnt, sie zu bewahren.
Neben all den fachlichen Erfahrungen nehme ich vor allem die Begegnungen mit meinen Glaubensgeschwistern mit. Ihr Vertrauen auf Gott und ihre Freude, ihm zu dienen, haben mich tief beeindruckt und meinen eigenen Glauben gestärkt.
Und zurück zur Frage vom Anfang? Ich würde mich jederzeit wieder für die zwei Monate in Mexiko entscheiden.
Marina Milak (28) wohnt in Dillenburg und arbeitet dort in einem christlichen Verlag. Sie liebt es, Zeit in der Natur zu verbringen, ist fasziniert von Dingen im Miniaturformat und schönen Sonnenuntergängen.