Aethiopien Frau schenkt Tee ein

Kurzzeit mit Weitsicht

Text vorlesen lassen

„Wir sagen es nicht, wir zeigen es.”

Mit diesen Worten antwortete mir ein Übersetzer aus der Volksgruppe der Suri in Äthiopien auf meine Frage, wie man in seiner Sprache „Ich liebe dich“ sagt. Gemeinsam arbeiteten wir gerade an der Übersetzung des Epheserbriefs. So lernte ich, dass die Suri kein eigenes Wort für „Liebe“ kennen, da sie stattdessen ihre Taten sprechen lassen. Epheser 2,4: „Doch Gott hat uns so sehr geliebt, (…)” übersetzen wir schließlich mit „Weil Gott uns in sein Herz geschlossen hat…“. Diese Begegnung hat mich noch lange beschäftigt. Sie zeigte mir eindrücklich, dass Bibelübersetzung weit mehr ist als das Übertragen einzelner Wörter. Es geht darum, die Botschaft der Bibel so auszudrücken, dass Menschen sie in ihrer eigenen Sprache und Kultur wirklich verstehen können. Doch wie kam ich überhaupt nach Äthiopien?

Von der Theorie in die Praxis

Ende 2024 stand ich kurz vor dem Abschluss meines Theologiestudiums. Besonders begeistert hatten mich die Fächer Griechisch und Hebräisch. Da wurde ich zum ersten Mal auf die Arbeit der Bibelübersetzung und auf Wycliff aufmerksam. Als ich erfuhr, dass von den rund 7.000 weltweit gesprochenen Sprachen bisher weniger als 800 eine vollständige Bibel besitzen, ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. Ich konnte mir gut vorstellen, meine Gaben in diesem Bereich für Gottes Reich einzusetzen. Bis dahin hatte ich mich allerdings fast ausschließlich theoretisch mit Mission und Bibelübersetzung beschäftigt. Bevor ich mich für eine Langzeitmitarbeit bei Wycliff bewerben würde, wollte ich zunächst erleben, wie diese Arbeit in der Praxis wirklich aussieht.

So saß ich im Februar 2025 schließlich für einen Kurzzeiteinsatz im Flugzeug nach Addis Abeba. Drei Monate lang durfte ich in Äthiopien verschiedene Teams begleiten und einen ersten Einblick in die Welt der Bibelübersetzung gewinnen. 

Ethiopia
Injera

Injera

Mehr als das Übersetzen von Worten

Schon nach kurzer Zeit wurde mir bewusst, wie vielfältig die Arbeit in der Bibelübersetzung ist. Ein Projekt führte mich zur Übersetzung des 4. Buchs Mose in die Sprache Karama, die von einer Volksgruppe gesprochen wird, in der es bisher nur wenige Christen gibt. Immer wieder standen wir vor ganz praktischen Fragen: Wie übersetzt man antike Maßeinheiten wie „ein Zehntel Epha Gerstenmehl“ (4. Mose 5,15), „ein halbes Hin Öl“ (4. Mose 15,9)  oder „zwanzig Gerah Silberstücke“ (4. Mose 18,16), wenn diese Begriffe den Menschen völlig unbekannt sind?

Ein weiterer Schwerpunkt meines Einsatzes war die Linguistik. Ich durfte zwei Workshops mitgestalten, in denen wir verschiedene äthiopische Sprachen analysierten. Ziel war es, die sprachlichen Besonderheiten besser zu verstehen, damit spätere Bibelübersetzungen natürlich und verständlich klingen. Besonders spannend war für mich die Zusammenarbeit mit einem Mann aus der Volksgruppe der Zargulla. Seine Sprache ist bisher kaum verschriftet. Gemeinsam untersuchten wir Geschichten, die er selbst aufgenommen und transkribiert hatte, um herauszufinden, wie seine Sprache aufgebaut ist und welche sprachlichen Muster sie verwendet. Dabei konnte ich das Zusammenspiel zwischen Bibelübersetzung und Linguistik ganz praktisch erleben. 

Besuch Orthodoxe Kirche

Besuch einer orthodoxen Kirche

Wenn Menschen lieber hören als lesen

Einige Volksgruppen in Äthiopien leben bis heute überwiegend in einer mündlichen Tradition. Selbst wenn eine Bibel übersetzt wurde, bedeutet das deshalb noch lange nicht, dass sie von den Menschen gelesen wird. Aus diesem Grund werden viele Übersetzungen zusätzlich als Hörbibeln aufgenommen. Auch dabei durfte ich einen Blick hinter die Kulissen werfen. Ich begleitete eine Aufnahme im Tonstudio und erlebte, wie viel Arbeit in einer hochwertigen Audiobibel steckt. So wurde mir bewusst, dass Bibelübersetzung weit über den schriftlichen Übersetzungsprozess hinausgeht. 

Bibelübersetzung und KI

Ein besonderes Highlight war mein Besuch beim Koorete-Projekt im Süden Äthiopiens. Gemeinsam mit zwei anderen deutschen Wycliff-Mitarbeitern reiste ich nach Amaaro, wo das Übersetzungsteam bereits das Neue Testament abgeschlossen hatte und nun am Alten Testament arbeitete. Unsere Aufgabe bestand darin, den ersten Entwurf des Buches Jeremia zu überprüfen. Dieser Entwurf war mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt worden. Diese hatte bereits eine hilfreiche Grundlage geliefert, dennoch mussten zahlreiche Stellen sorgfältig geprüft und verbessert werden. Gleichzeitig durfte ich Äthiopien noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive erleben, denn das Leben der Menschen in den Dörfern ist ganz anders als das in der Hauptstadt. 

Amaaro Team (Koorete)

Amaaro Team (Koorete)

Amaaro

Amaaro

Hat der Kurzzeiteinsatz meine Fragen beantwortet?

Als ich nach Äthiopien reiste, hatte ich vor allem eine Frage im Gepäck: Kann ich mir vorstellen, langfristig in der Bibelübersetzung mitzuarbeiten? Mein Kurzzeiteinsatz half mir dabei, ein realistisches Bild von der Arbeit zu bekommen und bestätigte meinen Wunsch, mich für eine Langzeitmitarbeit bei Wycliff zu bewerben. Aus theoretischem Interesse war eine konkrete Perspektive geworden. Gleichzeitig hat sich für mich herausgestellt, dass die Arbeitsbereiche in der Bibelübersetzung wesentlich vielfältiger sind, als ich dachte. Bisher hatte ich Bibelübersetzung hauptsächlich mit dem eigentlichen Übersetzen biblischer Texte in Verbindung gebracht.

In Äthiopien lernte ich viele unterschiedliche Aufgabenbereiche kennen: Übersetzungsberatung, exegetische Beratung, Linguistik, Alphabetisierung, Audiobibelproduktion und viele mehr.. Jetzt kann ich besser einschätzen, welche Rolle besonders gut zu meinen Gaben passt und in welchen Bereichen ich mich langfristig sehe. Außerdem konnte ich in der Praxis konkret sehen, welche Fähigkeiten für diesen Dienst wichtig sind. Weit über solide Griechisch- und Hebräischkenntnisse hinaus sind beispielsweise Linguistik und interkulturelle Kompetenzen nicht zu unterschätzen. Durch diese Erfahrungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse kann ich mich nun viel bewusster auf meine zukünftige Arbeit vorbereiten und meine Fähigkeiten gezielt weiterentwickeln.

Obwohl die Liste der Kompetenzen, die man haben sollte, zunächst überwältigend klingen kann, beginnt niemand seinen Dienst als fertiger Experte. Bibelübersetzung bedeutet lebenslanges Lernen durch praktische Erfahrungen, Workshops, Fortbildungen und die Zusammenarbeit mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen.  

Suri Projekt

Suri Projekt

„Wir sagen es nicht, wir zeigen es.”

Die Aussage des Suri-Übersetzers begleitet mich bis heute. Auch Gott erlebe ich in vielen Dingen genau so: Er zeigt seine Herrlichkeit und Größe durch sein Wirken. Mir hat er durch meinen Kurzzeiteinsatz gezeigt: Gott kann und will mich in diesem Dienst gebrauchen. Und nein, nicht jede meiner Fragen wurde beantwortet und ich habe längst noch nicht alles gelernt, was für die Bibelübersetzung nötig ist. Aber ich bin dankbar für die wertvolle Gelegenheit, Gottes Führung ganz praktisch in Äthiopien erleben zu dürfen und herauszufinden, dass aus einem theoretischen Interesse tatsächlich eine Berufung werden kann. 

Kaffee

Sophia ist 29 Jahre alt und absolviert derzeit ein Masterstudium am Wheaton College (Illinois, USA) als Vorbereitung auf einen Langzeiteinsatz in der Bibelübersetzung in Südafrika. In ihrer Freizeit probiert sie gerne neue Cafés aus und ist immer auf der Suche nach dem besten Cappuccino.