Zwischen den Kulturen

Zuhause unterwegs – Familie zwischen den Kulturen

Zuhause unterwegs

Für unseren Reisedienst waren wir immer wieder für Zeiträume von einigen Monaten in Deutschland. Das bedeutete für unsere Kinder, dass sie in dieser Zeit die örtlichen Schulen besuchten. Für unsere damals siebenjährige Tochter hieß das: ein halbes Jahr zweite Klasse.

Im Fach „Sachunterricht“ behandelte die Klasse gerade das Thema Jahreszeiten. Welche Monate gehören zum Frühling, Sommer, Herbst oder Winter? Welche Tiere leben in welcher Zeit? Wie sehen Glockenblumen aus, und wann wachsen Pilze? Eigentlich einfach – oder nicht?

Unsere Tochter kam aber gar nicht zurecht. „Warum ist der März Frühling?“ Sie kannte die monsunartigen Regengüsse, die heiße Sonne, Mücken, die Krankheiten übertragen, und Tiere, denen man besser aus dem Weg geht. Aber Pilze, Herbstlaub oder Frühblüher waren ihr fremd.

Für mich als Mama war das einer dieser Momente, in denen ich neu verstand: 

Unser Heimatland ist nicht automatisch das Heimatland unserer Kinder.

Sie sind Deutsche – und doch erleben sie vieles, was für uns selbstverständlich ist, als neu und fremd.

Geburtstage zwischen den Welten

Drei Jahre später – es ist Ende Oktober 2025 – plane ich den Geburtstag unseres inzwischen sechsjährigen Sohnes. Er wünscht sich eine „ganz klassische deutsche“ Feier: Einladungskarten basteln, Kuchen backen, Schatzsuche, Kinderspiele. Nur Kinder, keine Familien, keine Piñata.

Hier in Thailand wird anders gefeiert. Viele Familien treffen sich in Spielplatzcafés, nicht zu Hause, die Kinder spielen, während die Eltern reden und zum Abschluss gibt es die Piñata – eine mit Süßigkeiten gefüllte Pappfigur, auf die Kinder mit Stöcken einschlagen dürfen, bis sie platzt. Obwohl sie ursprünglich aus Mexiko stammt, gehört sie hier fast zu jeder Feier dazu. Und ehrlich: Welches Kind würde das nicht lieben?

Auch unsere Kinder mögen solche Feiern. Wir haben einige Elemente davon ausprobiert, besonders in der ersten Zeit, als wir uns anpassen wollten. Interessanterweise wünschen unsere Kinder sich für ihre Party aber meist die traditionelle „deutsche“ Art.

Der Geburtstag selbst beginnt inzwischen mit einer eigenen Familien-Tradition: Es gibt ein besonderes Frühstück mit Kerzen, frischen Brötchen und Kakao aus der „Geburtstagstasse“ – einer weißen Porzellantasse mit Goldrand und der Aufschrift „Alles Gute zum Geburtstag“. Eine ältere deutsche Kollegin hatte sie uns einmal mit den Worten geschenkt: „Ihr könnt damit bestimmt mehr anfangen als ich.“ Für unsere Kinder ist es eine Ehre, daraus zu trinken. Danach folgen Geschenke – und seit einigen Jahren auch ein ganz besonderer Moment: der Geburtstagsbrief. Mein Mann und ich schreiben jedem Kind einen Brief, den wir beim Frühstück vorlesen. Wir halten Rückblick auf das vergangene Jahr, schreiben, was das Kind beschäftigt hat, welche Freunde wichtig waren, welche Stärken wir sehen – und schließen mit einem Wunsch oder Gebet.

Diese Briefe wandern anschließend in die Schatzkiste jedes Kindes. Darin sammeln sie Erinnerungen: eine Karte, eine Figur, ein Kuscheltier, kleine Dinge aus verschiedenen Lebensabschnitten. Wenn wir in Deutschland unser Dachzimmer besuchen, wo ein paar unserer Kisten lagern, rennen die Kinder als Erstes dahin, um in ihren Schatzkisten zu stöbern.

Auch für uns Eltern sind solche Erinnerungen wichtig. Wir sammeln zwar nichts in Kisten, aber ebenfalls Gegenstände, die unsere Lebensstationen festhalten – Dinge, die unsere Geschichten erzählen.

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Viele Orte – eine Familie

Inzwischen haben wir in mehr als zehn verschiedenen Orten gelebt – teils für kurze, teils für lange Zeit. Wir haben viele liebe Menschen auf dem Weg kennengelernt, aber niemand kennt alle Stationen unseres Lebens, alle Menschen, die uns im Laufe dieser Zeit geprägt haben. Die Einzigen, die jede Etappe teilen, sind wir sechs.

Diese gemeinsamen Erlebnisse verbinden uns tief. Sie haben uns geholfen, eine eigene Familienkultur zu entwickeln – eine Mischung aus Deutschland, Neuseeland und Thailand.

Manches haben wir bewusst bewahrt: Geburtstagsbriefe oder Kerzen am Frühstückstisch. Manches ist verloren gegangen: So haben wir seit dreizehn Jahren kein Erntedankfest mehr gefeiert – dafür aber das Thanksgiving, ein amerikanisches Fest. Dass man in Deutschland am 1. Mai Fahrradtouren macht – davon wissen unsere Kinder gar nichts. Auch Himmelfahrt kennen sie nur als biblisches Ereignis, nicht als Feiertag. Andererseits sie sind damit vertraut, im November Krathoongs zu basteln, kleine Schiffchen aus Bananenblättern, die beim thailändischen Lichterfest aufs Wasser gesetzt werden.

Festessen Thanksgiving
Gemeinschaft Thanksgiving

Leben im Spagat

Je tiefer man in eine Kultur eintaucht, desto größer wird die Spannung zwischen den Welten –  der in der man lebt und der, aus der man kommt. Wir leben in keinem abgelegenen Dorf, sondern in einer großen Stadt mit starken Einflüssen aus dem Ausland. Unsere Kinder besuchen eine deutsch-internationale Schule, wir arbeiten in einem internationalen Team. Das heißt, wir erleben keine zwei Welten, die in einem starken Kontrast zueinanderstehen, aber wir sind permanent umgeben von vielen verschiedenen Kulturen und wir müssen uns immer wieder neu entscheiden:

Welche Traditionen sind uns wichtig?
Was wollen wir behalten – auch wenn es Aufwand bedeutet?
Welche Feste und Werte anderer Kulturen bereichern uns?
Was lassen wir bewusst weg, weil es nicht zu unserem Glauben passt?

Dieser Spagat ist nicht leicht. Er fordert Zeit, mentale Kraft, Aufmerksamkeit, Fingerspitzengefühl und Demut. Aber er lehrt uns auch: Es geht nicht darum, alles „richtig“ zu machen – nach Menschenmeinung (denn diese geht sowieso in alle Himmelsrichtungen auseinander) – sondern nach Gottes Gedanken zu fragen.

Verluste und Schätze

Einmal fragte mich jemand:
„Was tut ihr euren Kindern eigentlich an, wenn ihr sie mit ins Ausland nehmt und sie jeder Stabilität beraubt?“

Diese Frage hat mich lange beschäftigt. Und ja – unsere Kinder verpassen manches: Kinderstunden in ihrer Muttersprache, Sommerfreizeiten, Weihnachten mit Oma und Opa, Fahrradtouren im Frühling, Blumenmädchen auf der Hochzeit der Patentante. Das tut weh. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Aber inzwischen weiß ich, dass unser Leben mindestens genauso viele Schätze birgt, wie es Verluste bedeutet.

Unsere Kinder erleben die Nähe innerhalb der Familie viel intensiver.
Sie entdecken die Vielfalt dieser Welt – Menschen, Natur, Kulturen, Sprachen.
Sie lernen, offen auf andere zuzugehen, Fragen zu stellen, mutig zu sein, wenn sie nicht dazugehören.
Sie lernen, Not zu sehen und großzügig zu handeln.
Und sie lernen, immer wieder neu zu lernen.

Auch wir Eltern sind Lernende.
Wir lernen, dass wir weniger in der Hand haben, als wir denken.
Wir lernen, auf Gott zu vertrauen, anstatt auf Planbarkeit.
Wir lernen, dass manches, was wir als „christlich“ betrachten, einfach Tradition ist – aber dass das ist in Ordnung.
Wir lernen, bewusste Entscheidungen für unsere Familie zu treffen, ohne uns mit anderen zu vergleichen.
Und wir lernen, dass das größte Geschenk, das wir einander machen können, Zeit und Zuhören ist – besonders in Zeiten des Umbruchs.

Über all dem steht unsere Erfahrung:

Gottes Gnade bleibt unveränderlich – selbst in Zeiten der Veränderung.

Autorin

Nelly Jeske lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern seit fast 8 Jahren in Chiang Mai. Sie ist überzeugt, dass das Leben zwischen den Kulturen trotz mancher „extra“ Herausforderungen bereichernd ist.