Zwischen den Kulturen

Gastfreundschaft, Hirsekloß und süßer Tee

Zwischen den Kulturen

Was meine Kultur ist, merke ich oft erst dann richtig, wenn ich eine andere erlebe. Wenn ich aus meiner Familie in eine andere komme. Wenn ich von meiner Schule auf eine andere wechsel. Wenn ich meine Gemeinde verlasse und eine neue besuche. Oder wenn ich Nachbarn besuche, die aus Syrien nach Deutschland gekommen sind und mich herzlich zum Essen einladen.

Zuerst ist da das Gefühl: Irgendetwas ist hier anders.
Vielleicht Begeisterung – es ist wohltuend anders!
Vielleicht auch Unsicherheit, gemischt mit Neugier und Überraschung: Das ist doch nicht normal!
Und dann entsteht sie: die Spannung zwischen den Kulturen.

Ein Nachmittag voller Kontraste

Jetzt multiplizieren wir diese Spannung. Ich sitze auf einer für unsere Verhältnisse dreckigen Matte, direkt auf dem Boden in Staub und Sand. Ein Hauch von Plumpsklo steigt mir in die Nase. Eine Kinderschar springt fröhlich um mich herum, während eine Frau Anfang dreißig mit einem Besen aus trockenen Grashalmen die Matte extra für uns sauber fegt. Nebenher hält sie ihre Kinder in Schach und kocht Tee. Sie freut sich sehr, dass ich mit meinen Kindern zu Besuch bin. Extra für uns hat sie Bonbons und Erdnüsse gekauft. Schließlich serviert sie uns einen heißen Schwarztee mit astronomischem Zuckergehalt für deutsche Zungen. Für sie ist das selbstverständlich – so zeigt man Gastfreundschaft. In ihrer Kultur bedeutet das: Herzlich Willkommen bei mir!

Besen aus trockenen Grashalmen
Teekanne

Meine Kinder werden unruhig: Genug gesessen, genug geredet – sie wollen nach Hause. Ich bedanke mich und versuche mich zu verabschieden. Doch meine Gastgeberin ist entsetzt: „Du bist doch gerade erst gekommen! Wir haben noch gar nicht geredet! Und gleich gibt es Essen.“
Da ist sie wieder, diese Spannung.

Ich bleibe also. Die Kinder schicke ich zum Fußballspielen auf die Straße. Ein Knäuel aus alten Socken dient als Ball. Ich hoffe, sie einigen sich auf ein paar Regeln – Fußball spielt man schließlich überall, aber nicht überall gleich. Wenn sie sich in die Haare kriegen, werde ich es schon hören. Und wieder diese Spannung.

In der Küche – drei Steine, darauf ein Kochtopf – schürt meine Gastgeberin das Feuer, lacht und erzählt, während sie rührt. Ihre jüngste Tochter sitzt auf meinem Schoß, will zu ihr ans Feuer und weint. Ich versuche, sie mit ein paar Erdnüssen abzulenken. Plötzlich wird es warm und feucht auf meinem Kleid. Windeln sind hier Luxus. Mein erster Impuls: hochheben. Aber nein – jetzt kann sie auch sitzenbleiben. Und wieder diese Spannung.

Küche
Hirsebrei

Die Kinder kommen vom Fußball zurück. Na, zumindest für kurze Zeit haben sie es geschafft, gemeinsam zu spielen. Zum Glück hat die Frau inzwischen den Hirsekloß zu Ende gerührt und bereitet das Essenstablett vor. Wir gehen Hände waschen, doch Seife ist keine da. Jetzt weiß ich, was ich beim nächsten Besuch mitbringen kann. Ich bete still, dass Gott uns gnädig ist und unser Immunsystem stärkt, denn gleich werden wir alle mit denselben Händen von einem Tablett essen. Und wieder: Spannung. Die Frau stellt das Tablett auf die Matte und alle Kinder setzen sich im Kreis darum herum. „Kommt, setzt euch zum Essen!“, ruft sie uns zu. Und dann wird es still: Alle konzentrieren sich auf das Tablett und die Münder sind voll mit Hirsekloß. Ich atme auf, ein Moment der Entspannung.

„Iss, iss“, fordert mich die Frau auf. Eigentlich bin ich schon satt, nehme aber ihr zuliebe noch ein Stückchen. Und dann wieder: „Iss, iss!“. Ach, ich hatte vergessen, das Schlüsselwort zu sagen! Deshalb fordert sie mich die ganze Zeit auf weiter zu essen. „Gott sei die Ehre!“, sage ich nach meinem nächsten Bissen. Da lächelt sie, weiß nun, dass ich satt bin, und lässt mich aufstehen und meine Hände waschen.

Meine Kinder drängen und wir verabschieden uns herzlich. Die Frau begleitet uns noch bis auf die Straße. Dann gehen wir nach Hause.

Auf dem Heimweg saust ein überladenes Motorrad an uns vorbei. Staub wirbelt auf, die Kinder beobachten fasziniert.
„Mama, wie viele Punkte bekommt man in Flensburg, wenn man vorne auf dem Tank eine Ziege liegen hat, hinten ein Fass im Rücken und obendrauf ein Bündel Hühner, die kopfüber hängen?“
Ich habe keine Antwort. Aber für zu schnelles Fahren gibt’s bestimmt noch einen Punkt extra.

Zuhause zwischen zwei Welten

Am Abend sitzen wir wieder zu Hause am Tisch. Jeder hat seinen Teller, Messer und Gabel liegen bereit. Ich erinnere die Jungs daran, dass sie die ruhig benutzen dürfen. Doch sie leben zwischen zwei Kulturen – und picken sich gerne das Beste aus beiden heraus. Wenn Rülpsen nach dem Essen in der einen Kultur als Kompliment gilt, in der anderen aber als unhöflich – dann ist sie wieder da: die Spannung.

“Was war heute das Beste?“, frage ich. Mit einem Grinsen antwortet der eine: „Der süße Tee!“. Er weiß genau, dass dieser süße Schwarztee völlig konträr zu meinen Vorstellungen von einem Tee ist. Schwarztee für Kinder und dann noch mit Zucker – wieder diese Spannung. Aber ich finde, die Kinder waren heute tapfer und haben sämtliche Ungewöhnlichkeiten ausgehalten. Dafür dürfen sie gerne eine Belohnung bekommen. Heute süßen Tee eben.

Diese Spannung auszuhalten, ist meine große Aufgabe. Es gibt ein paar kulturübergreifende Regeln in unserer Familie. Beispielsweise dürfen nirgends auf dieser Welt die Füße auf den Tisch. Aber abgesehen davon, wissen die Kinder ziemlich genau, was zu welcher Kultur gehört und wie man sich wo verhält. Dass sie sich nicht immer daranhalten, ist eine andere Geschichte. Wir versuchen, es gelassen zu nehmen. Immer im Bewusstsein: Wir passen eben in beide Kulturen nicht ganz hinein.

Und genau darin liegt der Reichtum – und die Spannung – unseres Lebens zwischen den Kulturen.

Autorin

K. V. lebt mit ihrer Familie in Deutschland und im Tschad.