Text vorlesen lassen
Es war ein kalter, windiger Abend. Ich saß mit meinen beduinischen Gastgebern am Feuer. Wir redeten über alles Mögliche – auch über Politik. Kurz zuvor hatte ein neuer Korruptionsskandal die Schlagzeilen beherrscht. Ein hochrangiger Politiker war beim Annehmen von Bestechungsgeldern ertappt worden. Einer der Männer schüttelte den Kopf und sagte: „Und natürlich ist der Größte in einem Volk sein Diener.“
Moment mal. Hatte ich richtig gehört? Ich fragte nach. Die Antwort kam ohne Zögern:
„Ja, das ist eines unserer Sprichwörter. Leider halten sich unsere Anführer nicht besonders gut daran.“
Ich war verblüfft. Dieser Satz hätte genauso gut aus dem Neuen Testament stammen können. Jesus sagt: „Wer unter euch der Größte sein will, soll der Diener sein.“ (Lukas 22,26).
Doch schnell merkte ich: Beduinische Sprichwörter sind weit mehr als bloße Lebensweisheiten.
Wenn Weisheit den Alltag prägt
Bei vielen Beduinen sind Sprichwörter fester Bestandteil der Alltagssprache. Ich begann, diese Sprichwörter und Gedichte zu sammeln – und stieß dabei auf erstaunliche Parallelen zur Bibel. Vor allem zum Buch der Sprüche im Alten Testament.
Einige Beispiele:
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„Wer faul ist und nicht arbeitet, gewinnt nichts.“

→ „Wer sein Feld bebaut, hat viel zu essen; wer sich mit nutzlosen Dingen abgibt, dem fehlt der Verstand.“ (Sprüche 12,11) -
„Das Böse beginnt mit einem Funken.“

→ „Ein kleiner Funke kann einen großen Wald in Brand setzen.“ (Jakobus 3,5) -
„Wer für fremde Schulden bürgt, wird Schaden haben.“

→ „Gehöre nicht zu denen, die für andere bürgen und sich für fremde Schulden verpflichten.“ (Sprüche 22,26) -
„Folge dem, der dich zum Weinen bringt, nicht dem, der dich nur zum Lachen bringt.“

→ „Offene Zurechtweisung ist besser als Liebe, die man nicht zeigt.“ (Sprüche 27,5) -
„Das Haus der Unrechtstäter ist eine Ruine.“

→ „Das Haus der Gottlosen wird zerstört, aber das Zelt der Aufrichtigen bleibt bestehen.“ (Sprüche 14,11) -
„Wer den Fehler eines anderen zudeckt, dessen eigene Fehler wird Gott zudecken.“

→ „Wer Liebe fördern will, deckt Verfehlungen zu; wer sie immer wieder zur Sprache bringt, entfremdet selbst enge Freunde voneinander.“ (Sprüche 17,9)
Brücken zwischen Beduinenkultur und Bibel
Als wir begannen, Bibelgeschichten für diese Gemeinschaft zu übersetzen, wurde schnell klar: Die Sprichwörter halfen uns enorm bei der Wortwahl. Sie sind meist kurz, einprägsam und oft gereimt – genau wie viele Texte im Buch der Sprüche. Diese Gemeinsamkeiten konnten wir bewusst nutzen.
Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte. Beduinen kennen zum Beispiel Weisheitsgedichte, in denen ein Vater seinen Sohn unterweist. Ganz ähnlich sind die Kapitel 1 bis 7 im Buch der Sprüche aufgebaut. Hinzu kommen Akrosticha: Gedichte, bei denen jeder Vers mit einem neuen Buchstaben des Alphabets beginnt. Diese Form ist bei Beduinen beliebt – und begegnet uns auch in der Bibel, etwa in Psalm 119 oder in Sprüche 31.
Weisheit als großzügige Gastgeberin
Besonders faszinierend ist die Personifikation der Weisheit. In den Sprüchen tritt sie als Frau auf – als großzügige Gastgeberin, die Menschen an ihren Tisch ruft.
„Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, sie hat ihre sieben Säulen behauen.“ (Sprüche 9,1)
Für Beduinen ist sofort klar, was das bedeutet. Ein Zelt mit sieben Stangen ist das größte Zelt – und bietet den meisten Platz für Gäste. Ein großzügiger Gastgeber baut so ein Zelt, gut sichtbar, oft an einer Wegkreuzung oder auf einer Anhöhe, um möglichst viele einzuladen.
Passend dazu heißt es weiter:
„Sie hat ihre Dienerinnen ausgesandt und ruft von den höchsten Punkten der Stadt aus: ‚Wer unerfahren ist, soll hierherkommen!‘“ (Sprüche 9,3–4)
Diese kulturelle Brücke half uns nicht nur dabei, die Bilder aus dem Buch der Sprüche treffend in diesen beduinischen Dialekt zu übersetzen. In einem beduinischen Zuhause zu sitzen und die große Gastfreundschaft und Großzügigkeit meiner Gastgeber zu erleben, ließ mich Christus neu als den großzügigen Gastgeber begreifen.
Ein Sprichwort, das das Neue Testament erhellt
Ein beduinisches Sprichwort wurde für uns besonders wichtig:
„Er ist wie ein Berg: Fällst du auf ihn, zerschmettert er dich. Fällt er auf dich, zerschmettert er dich.“ Ich fragte nach der Bedeutung. Die Antwort: „Dieser Mensch ist unbesiegbar. Greifst du ihn an, wirst du zerstört. Greift er dich an, ebenso.“
Zur gleichen Zeit arbeiteten wir mit Übersetzern aus verschiedenen Sprachgruppen am Lukasevangelium. Eine Stelle bereitete uns dabei Kopfzerbrechen: das Gleichnis von den bösen Weingärtnern in Lukas 20. Jesus sagt dort: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Jeder, der über diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; und jeder, auf den er fällt, den wird er zermalmen.“ (Lukas 20,17–18)
Plötzlich war der Sinn glasklar. Das beduinische Sprichwort lieferte den Schlüssel.
Sprüche als Türöffner
Im weiteren Verlauf unserer Arbeit merkten wir: Die biblischen Sprüche sind ein idealer Gesprächseinstieg. Viele Menschen in unserer Region begegnen Christen mit Misstrauen. Sie fragen: „Warum redet ihr immer nur von Jesus? Glaubt ihr nicht auch an andere Propheten?“ Mit Salomo und seiner Weisheit zu beginnen, wirkt natürlicher – und weniger bedrohlich. Die Themen sind lebensnah: Arbeit, Reichtum, Ehrlichkeit, sexuelle Reinheit, Verantwortung.
Diese Texte laden dazu ein, über ein gutes und gerechtes Leben nachzudenken. Und sie helfen, Vorurteile abzubauen. Manche glauben, Christen lebten zügellos und unmoralisch. Die Sprüche zeichnen ein anderes Bild.
So werden alte Weisheiten zu neuen Türen – und öffnen Herzen für die Bibel.
Autor
Von Larry C. Übersetzt aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung von SIL Global.Â