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Normalerweise bin ich eher eine Nachteule. Es gibt nur wenige Tage, die mich dazu bringen, absichtlich früher aufzustehen, als ich es sowieso muss. Ostersonntag ist so ein Tag. Am Abend vorher stelle ich den Wecker ganz bewusst auf 20 Minuten vor Sonnenaufgang. Das ist die Zeit, die ich brauche, um notdürftig wach zu werden, mir warme Klamotten überzuwerfen und mit dem Auto zur nächsten Anhöhe zu kommen. Â
Da stehe ich dann – müde und gebannt – mit Blick nach Osten und warte auf das, was ich an allen anderen Tagen des Jahres als selbstverständlich empfinde: das erste Licht des Tages. Wenn es nicht gerade bewölkt ist, sind diese Minuten, in denen die Sonne langsam, aber sicher den Horizont zum Glühen bringt, sehr eindrücklich.Â
Im Sonnenaufgang wird Ostern für mich greifbar. Gott zeigt mir durch seine wunderbare Schöpfung, dass das Warten in der Dunkelheit ein Ende hat. Immer wieder neu bin ich überrascht, wie gut es tut, wenn endlich Ostersonntag ist – wenn die Hoffnungslosigkeit, die Trauer und die Verzweiflung von Karfreitag überwunden sind. Heute, rund 2000 Jahre nach Jesu Auferstehung, weiß ich natürlich: Karfreitag ist nicht das Ende. Trotzdem kann ich es jedes Jahr kaum abwarten, bis endlich das Licht von Ostersonntag sichtbar wird. Und auch wenn ich die Ruhe und Stille des Sonnenaufgangs genieße, mache ich mich danach auf den Weg zum Ostergottesdienst, um mit anderen zusammen die Auferstehung zu feiern. Die Botschaft, dass Gott einen Neuanfang schafft, will verbreitet werden! An dieser Stelle der Geschichte Gottes werden wir mithineingenommen, denn Licht ist zum Teilen da.Â
Ostern bringt mich dazu, darüber nachzudenken, welche Rolle ich dabei habe, die Botschaft der Auferstehung weiterzugeben. In der Bergpredigt sagt Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Licht der Welt (Matthäus 5,14). Schön finde ich den Gedanken, wie ein von Gott gesandtes Licht unterwegs zu sein – er als Quelle, ich als Bote. Verwurzelt in seinem Auftrag und gegründet im Osterereignis. Ich wünsche mir, dass die Botschaft vom Licht und der Hoffnung von Ostern alles erhellt und bis an die Enden der Erde gelangt. Und ich glaube, das ist es auch, was mich an Ostersonntag schon früh aus den Federn lockt: dass der Sonnenaufgang an diesem Tag über sich selbst hinausweist – auf einen ganz neuen Morgen, der keine Nacht mehr kennt. Â
Autorin
Anja Hermann studiert an der FTH in Gießen und macht aktuell ein Praktikum bei Wycliff Deutschland. Sie findet sowohl Sprache als auch Theologie faszinierend. Neben Sonnenaufgängen würde sie liebend gern auch mal Polarlichter sehen.