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Verfügbar sein – wo Gott ruft

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John V. arbeitet seit 2017 Jahren als Linguist mit den Mimi im Osten des Tschad. Zusammen mit dieser Sprachgemeinschaft entwickelt er eine Rechtschreibung, die den Weg für muttersprachliche Bildung und für die Bibelübersetzung öffnet.

Kinder im Tschad beim Abwasch

Wie bist du darauf gekommen, für Gott ins Ausland zu gehen?

Es war ein langer Prozess. Alles begann, als mein Vater eines Tages beim Aufräumen seiner Werkstatt eine Broschüre von Wycliff fand und zu mir sagte: „Hier, das könnte dich interessieren.“ Ich war 17 Jahre alt. Das war das erste Teil des Puzzles. 20 Jahre später (!) bin ich mit meiner Familie in den Osten des Tschad gezogen, um dort als Linguist zu arbeiten.

Was bedeutet es für dich, für Gott im Ausland zu arbeiten?

Für mich ist wichtig, klarzustellen, dass ich nicht mehr für Gott arbeite als jeder andere Christ. Wir alle sind dazu berufen, für Gott zu leben, nur die Art und Weise ist unterschiedlich. Ich lebe nicht mehr für Gott als ein Zahnarzt, ein Elektriker oder ein Lkw-Fahrer, die gläubig sind.

Aufgrund meiner Biografie und meines Profils liebe ich das Leben in Afrika und bin Linguist. Da ich nach einer Aufgabe gesucht habe, die wirklich Sinn stiftet, war Wycliff für mich die perfekte/richtige Wahl.

Und warum ist es wichtig, dass es Menschen mit dieser Bereitschaft auch heute in unserer digital vernetzten Welt noch gibt?

Ich denke, dass es noch viel wichtiger ist, für Gott selbst verfügbar zu sein, als bereit zu sein, ins Ausland zu gehen. Eine innige Beziehung zu ihm zu leben, auf seine Stimme zu hören, in der Wahrheit zu leben. Der Rest kommt von selbst, wenn diese Grundlage vorhanden ist.

Oft wird internationalen Organisationen vorgeworfen, die Kultur des Landes zu beeinflussen. Wie geht ihr sicher, dass die Botschaft von Gottes Liebe kultursensibel vermittelt wird?

Also ja, unser Beitrag hat einen transformativen Einfluss auf die Kultur. Und ja, das ist es, was wir wollen, weil wir überzeugt sind, dass wir wirklich etwas zu geben haben.Wir respektieren die Menschen mit denen wir arbeiten. , Wir begleiten, wir laden ein und wir zwingen nichts auf. Außerdem versuchen wir sensibel für die Stimme des Heiligen Geistes zu sein, denn er ist es, der eine Gemeinschaft verändert, nicht wir. Wir wollen, dass das Wohl der Menschen Vorrang vor unserer Agenda und unseren Plänen hat. Um Kulturen zu verändern reichen schon Facebook und Google. Ich war in einem Dorf, in dem es keine Toiletten gibt und das Trinkwasser aus einem Loch stammt, aus dem auch die Tiere trinken, aber in diesem Dorf haben viele WhatsApp und schauen sich Videos auf YouTube an.

Ich habe die Bibel schon immer in meiner Sprache gehabt. Deshalb kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn Menschen zum ersten Mal Gottes Wort in ihrer eigenen Sprache hören? Kannst du beschreiben, was du davon mitbekommst?

Die Menschen, mit denen ich arbeite, sind zu 100 % Muslime. Wir haben noch keinen Teil der Bibel übersetzt, daher habe ich das auch noch nie erlebt. Ich bin dabei, eine Schrift für diese Sprache zu entwickeln. Sie wurde noch nie geschrieben.

Was ich jedoch regelmäßig erlebe, sind Menschen, die zum ersten Mal einen Text in ihrer Muttersprache lesen. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Männern in einem Dorf. Ich sah strahlende Gesichter, lautes Lachen und große Freude darüber, dass auch ihre Sprache geschrieben werden kann und dass ein Fremder (in diesem Fall ich) sie lesen kann. Auch Stolz. Für mich ist das immer eine wunderbare Erfahrung.

Was macht dir persönlich an deiner Arbeit am meisten Freude ? 

Ich liebe es, in Dörfer zu reisen und daran zu denken, dass selten Weiße dorthin kommen (ein bisschen wie Pioniere), und ich liebe es auch, sprachliche Entdeckungen zu machen. Nach monatelanger Arbeit habe ich zum Beispiel vor ein paar Tagen plötzlich verstanden, dass die Endung -gi, die am Ende vieler Verbformen steht, verwendet wird, um die zeitliche Vorrangigkeit der Handlung gegenüber der folgenden Handlung auszudrücken. Ich habe mich gefühlt, wie der erste Mensch auf dem Mond.Niemand vor mir hat die Grammatik dieser Sprache so detailliert studiert.

Was macht dir manchmal Kopfzerbrechen? Mit welchen Unsicherheiten hast du zu kämpfen?

Viele Dinge bereiten mir Kopfzerbrechen. So sehr, dass ich einmal völlig erschöpft und depressiv war und lange krankgeschrieben war.

Gedanken wie „Ist es hier sicher für meine Familie?“ und „Ist alles, was wir tun, sinnvoll?“ Aber natürlich gibt es auch Umstände: die Krankheiten der Kinder, die Hitze, die Wasserpumpe, die nicht funktioniert.

Hinzu kommen viele methodische und strategische Fragen zu meiner Arbeit: „Was ist jetzt die beste Methode? Wie können wir am besten vorankommen?“ Es ist das erste Mal, dass ich eine Schrift für eine Sprache entwickle. Das ist Neuland für mich.

Aber in all dem hat Gott mich sehr verändert, vor allem durch Krisen. Ich muss nicht mehr alles selbst unter Kontrolle zu haben. Gott ist Gott, nicht ich. Er bleibt treu, auch wenn meine Arbeit nicht gut läuft, die Mimi kein Interesse zeigen, die Kinder krank sind. Ich lerne ihn als liebenden Vater kennen, und das beruhigt mich.

Nicht jede/r ist dafür gemacht, ins Ausland zu gehen. Trotzdem kann jede/r die Arbeit der Bibelübersetzung /eure Arbeit unterstützen. Was hilft euch da am meisten?

Es gibt viele Möglichkeiten, unsere Arbeit zu unterstützen. Manche Menschen beten sehr treu für uns, und der Satz „Ich bete jeden Tag für euch“ ist mir sehr wertvoll. Er ermutigt mich enorm. Viele Menschen unterstützen uns natürlich auch finanziell. Dann gibt es diejenigen, die Interesse zeigen und viele Fragen stellen. Es ist schön, wahrgenommen zu werden. Das fühlt sich gut an.

Von Zeit zu Zeit träume ich von mehr. Könnten sich Partnerschaften zwischen Kirchen und Mimi-Dörfern entwickeln? Könnten Menschen in Europa sich wirklich praktisch engagieren? Bislang ist jedoch noch nichts Konkretes dabei herausgekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview

Mirjam Lautenschlager-Weiss … hat mit ihm über seine Motivation und Herausforderungen gesprochen.