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Im Exil übersetzt
Diesen Tag wird er nie vergessen. Brahim* war 14 Jahre alt als seine Welt zusammenbrach. An die Schreie kann er sich noch heute erinnern. An das Dröhnen der Motoren, als die Kampfhubschrauber wie aus dem Nichts am Himmel über dem Dorf erschienen und erbarmungslos auf alles abfeuerten, was sich bewegte. Das Rattern automatischer Waffen. Rauchgeruch. Geschrei. Panik. Staub. Nur wenige überlebten. Durch Zufall war er zum Zeitpunkt des Angriffs der Milizen nicht im Dorf. Ein Botengang – der Onkel schickte ihn zur Herde –rettete ihm das Leben. Seitdem ist er, wie auch drei Millionen weitere Menschen aus Darfur (dem „Land der Fur“), ein Flüchtling. An einem von der Welt vergessenen Ort im Sudan.
Viele Jahre sind seitdem vergangen, tausende Kilometer liegen dazwischen. Heute ist Brahim erneut innerlich aufgewühlt. Diesmal aber vor Freude. Gerade holt der Erzbischof inmitten einer Menschentraube aus einer Kiste vor ihm ein Neues Testament. Er hebt es hoch empor und segnet das Buch mit laut bebender Stimme. Er bittet Gott eindringlich darum, er möge sein Wort ab diesem Tag in der Sprache der Fur aussenden und gelingen lassen, wozu er es gesandt hat.
Brahim kann kaum glauben, dass es so weit ist. Seit über zwanzig Jahren arbeitet eine kleine Gruppe im Stillen und Verborgenen daran, die Bibel in die Fur-Sprache zu übersetzen. Er gehört dazu, ist am Ende sogar Teamleiter. In all den Jahren weiß er: Wenn sein Umfeld aus gläubigen Muslimen mitbekommt, dass er an diesem Werk arbeitet, dann ist das sein Ende. Das Sprachprojekt läuft unter einem Pseudonym, niemand darf wissen, um welche Sprache es sich handelt.
Heute findet die Übergabefeier des Neuen Testaments statt in Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Tausende sind eingeladen, leider können nicht alle kommen. Das Übersetzer-Team, geistliche Väter und Mütter, Pastoren, Vertreter von Wycliff aus mehreren Ländern, hunderte Christen, sie alle haben sich heute in einer Kirche versammelt. Zahlreiche Chöre geben ihre Lieder in der Fur-Sprache zum Besten, es wird getanzt. Die Weggefährten der Übersetzer berichten über den langen, steinigen Weg bis zu diesem Tag. Alle sind ergriffen. Gottes Wort gibt es jetzt auch für die Fur. Unfassbar.
Nicht nur im Saal, auch an Bildschirmen weltweit ist diese Feier live gestreamt zu sehen, aller Welt zugänglich. Die Übersetzer haben im Vorfeld beschlossen: das müssen alle mitbekommen! Kein Pseudonym mehr! Das Neue Testament ist übersetzt, gedruckt und veröffentlicht. Keiner kann es mehr aufhalten! Und somit treten sie aus dem Schatten und nehmen bewusst die Gefahr in Kauf, in die sie sich mit ihrem öffentlichen Bekenntnis begeben. Ein mutiger Schritt, ein starkes Zeugnis!Â
In Jahren der Übersetzung und der Beschäftigung mit Gottes Wort, hatte sich, so wie Brahim, ein Teammitglied nach dem anderen für Jesus geöffnet. Einer von ihnen, Fouad*, schilderte wie er, im Römerbrief angekommen, nicht mehr abwarten konnte, den Rest des Textes zu kennen, und deshalb für sich allein weiter übersetzte. Aussagen über Gottes Gnade und Liebe, die er dort fand, haben ihn völlig überwältigt. Nicht nur die Übersetzer, auch ihre engsten Angehörigen entschieden sich für ein Leben mit dem Gott dieser Bibel.
Und so ist der Gottesdienst in Juba ein zu Herzen gehendes Fest, in dem die Freude über Gottes Wort real wird. Längst hat das Team beschlossen weiterzumachen und das Alte Testament zu übersetzen. Zu diesem Team gehört auch Christine W., eine Mitarbeiterin von Wycliff, die seit 2002 ihre linguistische Expertise einbringt.
Das Volk der Fur hat seit mehr als zwanzig Jahren viel Leid und viel Trauma erlebt. Menschen wurden getötet und vertrieben, Frauen wurde Schlimmstes angetan, alle Übersetzer mussten in jungen Jahren flüchten und ihre Heimat zurücklassen. Es ist für mich unbegreiflich, dass sie heute so viel Freude, Zuversicht und Hoffnung ausstrahlen! Das Wort Gottes soll allen bekannt gemacht werden. Diese Übergabefeier hat ihnen sehr viel bedeutet und ich wünsche ihnen und ihren Familien sehnlichst, dass sie Frieden erleben, und nach Darfur zurückkehren werden.
Autor
Martin Hartmann arbeitet als Verwaltungsleiter bei Wycliff Deutschland. Im August 2025 nahm er für Wycliff Deutschland an der Feier in Juba teil.