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Ende 2023 nahm ich an einer besonderen Reise teil – einer Forschungsreise, die nicht nur durch die Berge Nordthailands führte, sondern mitten hinein in die Welt von Sprache, Kultur und Identität.
„Wir sind Lua“ – Mehr als nur ein Name
Im Norden und Nordwesten Thailands nennen sich viele Menschen „Prai“ oder „Lua“ – oft werden beide Begriffe gleich verwendet. Doch im Nordosten der Provinz Nan ist das anders: Dort lehnen die Menschen den Namen „Prai“ bewusst ab. Sie sagen klar: Wir sind Lua.
Was auf den ersten Blick wie eine Frage der Bezeichnung wirkt, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es geht um Identität, Geschichte – und darum, wie Menschen sich selbst verstehen. Genau deshalb machten wir uns im Auftrag von SIL Global gemeinsam mit Mitarbeitern einer weiteren Partnerorganisation und Praktikanten auf den Weg, um die Sprachsituation der sogenannten „Lua Bo Kluea“ genauer zu erforschen.
Vorbereitung: Werkzeuge für die Welt der Sprachen
Drei Wochen vor der Reise begann unsere Vorbereitung. Wir lernten Methoden kennen, die helfen, Sprachen zu verstehen – auch ohne sie selbst fließend zu sprechen.
Dazu gehörten:
- das Dialect Mapping Tool (um Sprachräume sichtbar zu machen),
- das Recorded Text Testing (RTT) (um Sprachverständnis zu prüfen),
- sowie gezielte Fragebögen und Interviews.
Was technisch klingt, hat ein klares Ziel: herauszufinden, wie ähnlich oder unterschiedlich Menschen sprechen – und ob sie sich gegenseitig verstehen.
Ein Gottesdienst, der bewegt
Der erste Teil der Reise führte uns in den Nordwesten der Provinz Nan. Dort wollten wir unsere Methoden unter realen Bedingungen testen.
Am Sonntagmorgen besuchten wir einen Gottesdienst in einem Dorf. Als wir ankamen, war der Raum bereits mit über 100 Menschen gefüllt – Kinder, Erwachsene, ältere Menschen. Alle waren da. Die Lieder wurden in der lokalen Sprache „Prai“ gesungen. Und obwohl ich die Worte nicht verstand, war die Atmosphäre spürbar: echte Hingabe, echte Freude.
Besonders bewegend war der Umgang mit der Bibel. Immer wieder las jemand aus der Gemeinde die aufgerufene Stelle laut vor – aus der Prai-Bibel. Hier wurde deutlich: Diese Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel. Sie ist der Schlüssel zum Herzen. Historisch gesehen haben viele Prai kaum andere Bibelübersetzungen genutzt. Umso stärker ist ihre Verbindung zu den Worten in ihrer eigenen Sprache. Für mich war dieser Moment ein Highlight der Reise.
Wie erforscht man eine Sprache?
Nach dem Gottesdienst begann unsere eigentliche Arbeit.
Mit dem Dialect Mapping Tool fragten wir Menschen:
- In welchen Dörfern, sprechen die Menschen gleich oder ähnlich und du verstehst alles?
- In welchen Dörfern sprechen die Menschen anders und du verstehst trotzdem fast alles?
- In welchen Dörfern sprechen die Menschen ganz anders und du verstehst kaum oder gar nichts?
So entstand nach und nach eine „Landkarte des Verstehens“.
Beim sogenannten RTT-Test hörten einzelne Personen eine kurze Geschichte in ihrer Sprache. Danach sollten sie den Inhalt Satz für Satz wiedergeben. Die Übereinstimmungen notierten wir in einem Datenblatt, das uns später für die Sprachanalyse und Auswertung helfen sollte.
Zwischendurch führten wir Interviews mit Dorf- und Kirchenältesten. Sie erzählten uns von ihrer Sprache, ihrer Geschichte und ihrem Alltag – oft genauso wertvoll wie jede Messung.
Zweite Etappe: Auf der Suche nach Antworten
Nach einer Woche Vorbereitung begann der zweite Teil: zwölf intensive Tage im Nordosten von Nan. Von einem kleinen Dorf aus – unserem „Basislager“ – besuchten wir insgesamt neun weitere Orte. Zwei einheimische Frauen begleiteten uns und wurden zu unverzichtbaren Brücken zwischen uns und den Menschen vor Ort.
In jedem Dorf sammelten wir Puzzleteile: In drei Dörfern setzten wir das Dialect Mapping Tool ein, in einigen führten wir zudem Recorded Text Testing durch. Ergänzend arbeiteten wir in den meisten Dörfern mit Fragebögen und führten Interviews mit Dorf- oder Kirchenältesten.
Eine entscheidende Frage
Die Menschen hier nennen sich bewusst „Lua“ – und nicht „Prai“. Doch wie groß ist der Unterschied wirklich? Sprechen sie nur eine Variante derselben Sprache?
Oder ist ihre Sprache inzwischen so eigenständig, dass sie als eigene Sprache gilt?
Diese Frage ist nicht nur wissenschaftlich spannend. Sie hat ganz praktische Folgen:
Wenn die Unterschiede groß genug sind, brauchen die Lua-sprechenden Menschen möglicherweise eine eigene Bibelübersetzung oder eine Adaption der Prai-Bibel in Lua Bo Kluea – damit sie Gottes Wort wirklich in ihrer Sprache verstehen können.
Was bleibt?
Diese Reise hat mir gezeigt: Sprache ist weit mehr als Kommunikation. Sie ist Identität, Heimat, Herzenssprache. Und sie kann der entscheidende Schlüssel dazu sein, ob Menschen Gottes Wort wirklich erreicht – oder nur irgendwie versteht.
Einheimische Mitarbeitende sind dabei unersetzlich. Durch ihre sprachliche und kulturelle Vertrautheit öffnen sie Türen, die von außen verschlossen bleiben. Das war vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Reise.
Quelle
Alex Jeske arbeitet seit neun Jahren als Sprachforscher in Thailand. Zusammen mit seiner Familie lebt er in Chiang Mai – der größten Stadt Nordthailands.
Durch Anklicken der Fotos öffnet sich die Galerie mit Erklärungen zu den Fotos.