Text vorlesen lassen
Wenn wir an Bibelübersetzung denken, entsteht im Kopf oft ein typisches Bild: Seiten voller Text. Papier. Buchstaben. Vielleicht ein Dokument auf dem Bildschirm.
Doch für viele gehörlose Menschen funktioniert Sprache anders. Sie wird nicht gelesen – sie wird gesehen. Darum ist die Bibel in Gebärdensprache kein Buch, sondern ein Video.
Ein Raum, eine Kamera – und ein biblischer Text
Im Aufnahmeraum steht eine Kamera. Vor ihr: ein gehörloser Übersetzer.
Er hebt die Hände. Dann beginnt die Geschichte.
Bis zu diesem Moment muss schon sehr viel Arbeit passiert sein.
Die gehörlosen Übersetzer üben den Abschnitt sorgfältig ein und filmen ihn in kleinen Portionen. Danach folgen Beraterprüfungen, Rückmeldungen aus der Gemeinschaft und Überarbeitungen.
Erst wenn alles passt, wird veröffentlicht.
Für die Aufnahmen müssen die Gebärdenden Wege finden, den Text flüssig von Anfang bis Ende vor der Kamera wiederzugeben — ohne abzulesen, ohne zu stocken. Manche arbeiten mit Stichworten, andere mit gezeichneten Bildabläufen, wieder andere orientieren sich an Probevideos, und einige lernen den Abschnitt vollständig auswendig.
Sie müssen den Text so gut kennen, dass er Teil von ihnen wird. Nur dann können sie ihn überzeugend darstellen. Bei Gebärdensprache arbeiten nicht nur die Hände, sondern auch die Mimik und Körperhaltung mit.
„Ich erinnere mich noch genau“
Ein Mann in Spanien filmte vor einigen Jahren die Apostelgeschichte in katalanischer Gebärdensprache. Später unterhielt er sich mit jemandem über eine Begebenheit daraus. Doch der andere erzählte sie falsch.
Er lächelte und sagte:
„Ich habe die Apostelgeschichte aufgenommen – und ich kenne sie immer noch. Beim Filmen musste ich die Geschichte wirklich verinnerlichen. Deshalb konnte ich erklären, was tatsächlich in der Bibel steht.“
Die Aufnahme war längst abgeschlossen.
Aber die Geschichte war geblieben.
Worte im richtigen Moment
Ein gehörloser Pastor arbeitete am Motion-Capture für Johannes 14 mit.
Einige Zeit später besuchte er einen sterbenden Krebspatienten im Krankenhaus.
Dort erinnerte er sich an den Vers:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Die Worte wurden zu Trost für den Mann.
Der Pastor sagte danach: „Wenn ich diese Texte aufnehme, lerne ich sie intensiv kennen. Und immer wieder bringt Gott Situationen, in denen genau diese Worte passen.“
Mehr als Übersetzung
Seit 2003 arbeitet ein Team daran, die Bibel in katalanische und spanische Gebärdensprache zu übertragen. Mehr als die Hälfte des Neuen Testaments ist inzwischen veröffentlicht – als Videos.
Doch eigentlich entsteht dabei mehr als eine Übersetzung.
Die Texte werden nicht nur produziert.
Sie werden erzählt.
Sie werden erinnert.
Und manchmal sprechen sie genau im richtigen Moment ins Leben eines Menschen hinein.
Autorin
Rebekah Schumacher.
Aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung von SIL Global.Â