Seil

Das wiederhergestellte Seil

Text vorlesen lassen

Tief im Herzen des Sudan lebt das Volk der Murle. Bis vor wenigen Jahren waren die Nomaden fast völlig isoliert von der Außenwelt und lehnte jede Veränderung ihrer Lebensweise ab. Als Mitarbeiter von Wycliff dort mit der Alphabetisierungsarbeit begonnen, warnten Beamte der Provinzregierung: „Bei den Murle werdet ihr nichts erreichen!“ So war es auch. Die Murle zeigten kaum Interesse an dieser fremden Idee, Worte auf Papier zu bringen und von dort wieder abzulesen. Auch für den christlichen Glauben hatten sich nichts übrig.

Die Murle sind überzeugt, dass in ihrer Steppenheimat böse Geister ihr Unwesen treiben. Wenn ein Unglück geschieht, wie z.B. der Tod eines Kindes, dann sind die Murle überzeugt, dass diese Geister dafür verantwortlich sind. Deswegen geben sie ihren Kindern abscheuliche Namen, z.B. Geier oder Hyäne. Diese scheinbare Lieblosigkeit soll die bösen Geister irreführen und sie dazu bewegen, ihre Kinder in Ruhe zu lassen.

Allerdings kennen die Murle auch eine Überlieferung, die verblüffende Parallelen zur biblischen Schöpfungsgeschichte enthält: Diese Überlieferung erzählt von einem Gott, der die Erde erschaffen und der den Mann aus Staub und die Frau aus einer Rippe des Mannes gemacht hat. Damals verband ein Seil die Erde mit dem Himmel; über dieses Seil konnten die Menschen zu Gott gelangen, wann immer sie das wollten. Aber eines Tages lehnte die Frau sich gegen Gott auf und schnitt das Seil durch. Seither sind die Menschen von Gott getrennt – so die Überlieferung der Murle. Sie wissen, dass Gott immer noch dort ist, und sie fragen sich, ob das Seil jemals repariert werden kann.

Ochse

Das ganze Leben der Murle dreht sich um ihre Kühe. Wenn ein Junge erwachsen wird, bekommt er in einer feierlichen Zeremonie einen Ochsen geschenkt, seinen „Namensochsen“. Bei diesem Anlass wir sein hässlicher Name gegen einen schönen Namen ausgetauscht. Dieser Ochse wird dann der kostbarste Besitz des Jugendlichen.

Die Murle sind aufeinander angewiesen, wenn sie überleben wollen. Alle Männer gehören Gruppen an, die gemeinsam jagen und Entscheidungen treffen. Die Zugehörigkeit zur Gruppe ist für einen Mann wichtiger als die zu seiner Familie. 

Wenn ein Murle ein Verbrechen begeht, wird er je nach Schwere der Tat geschlagen oder sogar hingerichtet. Aber die schlimmste Strafe ist der Ausschluss aus der Gruppe, denn das bedeutet völlige Isolierung und Verachtung. Es gibt nur einen Weg, um die Gemeinschaft mit den anderen wiederherzustellen und Versöhnung zu erlangen: der geliebte „Namensochse“ muss getötet werden.

Die Kultur der Murle fordert einen hohen Preis für die Wiedergutmachung von Unrecht. Als die Murle hörten, dass Gott seinen geliebten Sohn auf die Erde gesandt hat, um die Gemeinschaft mit den Menschen wiederherzustellen, wurden sie plötzlich aufmerksam und hellhörig. Jesu Tod am Kreuz entsprach ja genau ihrer Vorstellung von der Versöhnung durch ein Opfer. Es ging beim Evangelium als gar nicht um eine „westliche“ Idee, wie sie bisher gemeint hatten, sondern um die Erfüllung ihrer eigenen Hoffnungen. So wurde Weihnachten mit dem Kommen Jesu für die Murle zu dem Tag, an dem das Seil zum Himmel wiederhergestellt wurde.

Quelle

Entnommen aus „Durch den Horizont sehen“
Andreas Holzhausen, Susanne Riderer,
Breitschuh & Kock GmbH, Kiel, 2010