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Wenn nicht jetzt, wann denn? Wenn nicht wir, wer denn?
Diese Fragen stellten wir uns, als wir Rentner wurden, denn wir wollten gerne noch einmal etwas Sinnstiftendes tun.
Wir – das sind Denise und Klaus Breuer – wussten schon länger von Wycliff: Bibelübersetzungen in Sprachen, in denen es noch keine Bibel gibt. Das hatte uns schon in unseren frühen Ehejahren begeistert. Aber genauer kannten wir Wycliff noch nicht. Das sollte sich schnell ändern!
Angeklopft!
Mit zu dem Zeitpunkt 65 Jahren nahmen wir per E-Mail Kontakt zu Wycliff auf und fragten an, ob Wycliff uns „gebrauchen“ könne, für irgendwas, Unterstützung, Hilfe, für vier Wochen oder für vier Monate (oder so ähnlich)?
Kurze Zeit später rief Wycliff zurück – und wir waren „im Geschäft“!
Abgecheckt
Bereits in einem frühen Stadium des gesamten Kennenlernprozesses wurden wir gefragt, ob wir bereit wären, ins Ausland zu gehen, z. B. nach Papua-Neuguinea (PNG), im Rahmen eines zweijährigen Kurzzeiteinsatzes.
Nach unserem überlegten „Ja“, bekamen wir als „Hausaufgaben“, Lebensläufe, Referenzen, beruflichen und geistlichen Werdegang und einiges mehr zu liefern. Wenige Wochen später erhielten wir dann die Antwort von Wycliff, dass wir als Kandidaten für einen Kurzzeiteinsatz akzeptiert sind! Das war Mitte 2022.
Fit gemacht!
Es folgten fundierte Vorbereitungen durch Wycliff in mehreren Seminaren und Schulungen. Ferner erhielten wir erfahrene Hilfe im Zusammenhang mit Visa und Arbeitserlaubnis für zwei Jahre, Impfungen, Tropentauglichkeit, Nachweis über Englischkenntnisse und einiges mehr.
Einen finanziellen Spenderkreis brauchten wir nicht, wir waren ja Rentner und konnte uns selbst finanzieren. Aber wir bauten einen geistlichen Unterstützerkreis auf mit Menschen, die für uns während unseres Einsatzes beteten.
In unserem Haus machte sich (auf Einladung) ein Sohn unseres Pastors breit und unser Auto verkauften wir an Freunde.
Kopfsprung in eine neue und fremde Kultur
Dann wurde es ernst! Am 16.08.2023 flogen wir von Frankfurt los und kamen am 18.08.2023 in Port Moresby, der Hauptstadt von PNG, an. Ein paar Stunden später ging es mit einem einmotorigen Kleinflugzeug (Bild oben) weiter, über Regenwälder und Flusssysteme (Bild unten), nach Ukarumpa, dem Zentrum von der Partnerorganisation SIL in den „Eastern Highlands“ von PNG.
Ein paar Wochen nach unserer Ankunft war der Premierminister von PNG zu Gast für eine politische Veranstaltung vor den Toren von Ukarumpa. Viele Volksgruppen aus der Umgebung kamen in ihrer traditionellen Bekleidung und tanzten und trommelten in ihrer traditionellen Weise (Bild unten).
In einem Dorf zwischen Pazifik und Regenwald
In den ersten Monaten durchliefen wir einen von SIL durchgeführten Orientierungskurs zum intensiven Kennenlernen der Kultur, der Mentalität und der Verkehrssprache Tok Pisin.
Der Kurs beinhaltete auch „Village Living“. Hierbei verbringt man einen Monat in einem traditionellen Dorf und lebt, schläft, arbeitet, fischt, jagt, isst, wäscht, sitzt, als Gast bei den einheimischen Menschen. Man wohnt mit ihnen in ihrem Haus auf Stelzen, gebaut ohne Nägel, Schrauben oder Leim, mit Materialien aus dem Wald, und ohne Strom und fließendes Wasser.
Unsere Gastgeber waren Kubei und Gulling (folgendes Bild) in einem kleinen Dorf namens Kelkel (Foto ganz oben neben dem Titel und Bild unter diesem Textabschnitt), direkt an einer Bucht des südlichen Pazifiks gelegen, an der Ostküste der Hauptinsel von PNG – ein ca. 400 m langer und 280 m breiter Küstenstreifen, begrenzt vom Meer Richtung Nordosten und von Bergen und Regenwald Richtung Südwesten.
Wir waren zwar nicht die ersten weißen Menschen in diesem Dorf, aber die ersten weißen Menschen die jemals in Kelkel gewohnt und übernachtet hatten.
Ein kleiner Fluss floss von den Bergen des Waldes Richtung Pazifik, an den nordwestlichen Ausläufern des Dorfes vorbei. Dieser Fluss diente als Trinkwasserquelle, sowie an einer Stelle als Waschplatz für die Männer und an einer anderen Stelle als Waschplatz für die Frauen des Dorfes.
Dort im Dorf hatte ich viel Zeit zum Beobachten, zum Überlegen und Nachdenken, zum Staunen, zum Rätseln, sowie viele Gelegenheiten, um überrascht, nichtverstehend und unwissend zu sein!
Ich las jeden Tag „demonstrativ“ meine Bibel und es blieb nicht ohne Wirkung! An den meisten Abenden war das Haus, in dem wir schliefen, zum Treffpunkt für ca. 20 bis 30 jüngere und ältere Dorfbewohner geworden und ich musste sehr viele Fragen beantworten, obwohl mir manches Mal die Worte fehlten: zur Bibel, zu Deutschland, zu Schiffen, zu Kriegen und zu Vielem mehr.
Im Gegenzug fragte ich auch viele Fragen zu ihrem Leben, zu Traditionen, zu Kämpfen mit anderen Volksgruppen, zu Kannibalismus, zu Bildung und zu Vielem mehr.
Von einem alten Dorfbewohner (früherer Schullehrer) bekam ich ein Buch ausgeliehen, welches Auszüge aus Beschreibungen der früheren Kolonialisierung durch das deutsche Kaiserreich beinhaltete. Im Anschluss an diese Lektüre hatte ich das dringende Bedürfnis, mich bei ihm und manchen älteren Dorfbewohnern zu entschuldigen! „Ja, wir verstehen!“ sagten sie. „Aber Du hast es ja nicht getan und wir haben es ja nicht erlebt!“ Sie hatten meine Entschuldigung angenommen!
Reich beschenkt mit Un(an)fassbarem
Überladen mit neuen Eindrücken sowie herausgefordert, damit richtig umzugehen, kamen wir zurück in das SIL-Zentrum nach Ukarumpa.
Denise wurde Bestandteil des „SALT“- Teams (Scripture Application and Leadership Training). Sie war beteiligt an Jüngerschaftsprogrammen sowohl in der Organisation und Vorbereitung als auch in der Durchführung. Mehrere Teams aus überwiegend einheimischen und wenigen weißen Mitarbeitern besuchten auf Einladung Dörfer in den Regenwäldern und Flusslandschaften von PNG. Sie führten Seminare zur Bibelnutzung und zum Bibelverständnis, zur Jüngerschaft und zum Leben als Christ durch, für jeweils ca. 10 bis 12 Tage Dauer.
Das war für Denise die beste, sinnvollste und lohnenswerteste Arbeit, die sie sich hätte wünschen können!
Weil ich in meinen frühen Berufsjahren im Bereich Druckerei, Papier- und Pappeverarbeitung gearbeitet hatte, wurde mir die Arbeit im „Publications-Department“ anvertraut. Es bestand aus der Druckerei, der Verteilung der Drucksachen, der Archivierung/Digitalisierung von Originalen (überwiegend Bibelübersetzungen), einer Bibliothek sowie mehreren Tonstudios für Audioaufnahmen in die viele Sprachen PNGs. Die Mitarbeiter in diesen Bereichen waren überwiegend Einheimische und einige aus den USA und aus Südkorea.
In meiner Funktion als Manager dieser Bereiche hatte ich, auch aus Erfahrungen anderer, früh gelernt, dass organisatorische sowie Ordnungs- und Effizienz-Veränderungen schnell wieder „verpuffen“ können, wenn man nicht mehr anwesend ist. Darum wurde mein hauptsächliches Ziel, in Menschen zu investieren! Ich wollte mit Gottes Hilfe ein dienlicher, förderlicher, zusprechender und aufrichtiger Vorgesetzter für sie sein!
Ob mir das erfolgreich gelungen ist, mögen andere beurteilen. Aber ich war treu in meinen Aufgaben und mit meinen Möglichkeiten! Erfolg bewertet Gott ohnehin völlig anders als wir, aber Treue ist ein Teil von Gott, so wie es auch die Liebe ist!
Was die Menschen in PNG brauchen
Nach meiner Meinung sind Hunger und fehlende Nahrung nicht das Hauptproblem in PNG. Es gibt viel Regen, viel Wasser, tropisches Klima, 12 Monate im Jahr Wachstums- und Erntezeit. Die Menschen sind überwiegend Selbstversorger aus ihren eigenen Gärten. Jedoch sind Bildung, ein einengender Geisterglaube, Gewalt als (einzige) Konfliktlösungsmöglichkeit, Hygiene/Gesundheit, Infrastruktur, Korruption und einiges mehr die Haupt-„Baustellen“ in PNG!
Eine einfache Rückkehr ins frühere Leben ist fast unmöglich
Als sich langsam abzeichnete, dass unsere Zeit mit den Einheimischen in Ukarumpa zu Ende ging, bemerkte ich, neben anderen Gedanken und dem zu erwartenden Verlustempfinden, etwas Unerwartetes: Eine Empfindung des „Verrates, des egoistischen Verlassens und des untreuen Alleinlassens“ kam hinzu, weil ich wieder in meinen „Luxus und Reichtum“ zurückkehre, während die zurückgelassenen Menschen in ihrer Armut verbleiben. Das beschäftigt mich weiterhin.
Drei Jahre lang – ein Jahr Vorbereitung sowie zwei Jahre in PNG – war die Frage nach Gottes Willen für mein Leben nicht existent! Ca. zwei bis drei Wochen nach unserer Rückkehr aus PNG war die Frage wieder präsent in meiner Beziehung zu Gott. Nicht vorwurfsvoll, nicht nörgelnd, nicht fordernd – eher wohlwollend-leitend für wertvolle künftige Perspektiven und Prioritäten!
Wichtig!
Wir sind nicht nach PNG gegangen, um Gottes Akzeptanz und Wohlwollen zu erlangen! Wir sind nach PNG gegangen, weil wir beides bereits haben! Durch Gnade und seit Beginn unseres Christseins!
Was wir bereuen
Im Rückblick bereuen wir es, dass wir nicht schon 30/40 Jahre früher nach PNG gegangen sind. Wir hätten mehr Kraft und Energie gehabt, und wir hätten mehr Jahre dortbleiben können.
Diese Erkenntnis lässt uns zu dem Schluss kommen: Ihr jüngeren Leute könnt es besser machen! Ihr älteren Leute könnt es ähnlich machen!
Also lasst uns – egal ob jung oder alt, egal ob zu Hause oder in Übersee – bereit sein, „Bäume“ zu pflanzen und zu wässern, deren Früchte andere Menschen essen und unter dessen Schatten andere Menschen sitzen werden! Vielleicht werden wir eines Tages davon erfahren und Gott dafür loben und danken, weil Er das Wachstum dafür gab.
Denise und Klaus Breuer wohnen in einem kleinen Dorf im Taunus. Sie haben zwei erwachsene Söhne und vier Enkelkinder.